1.413 Lücken in einem Monat: Wird Windows unsicherer, oder findet KI nur mehr?
Im Oktober hat Microsoft so viele Sicherheitslücken geschlossen wie nie zuvor. Laut Microsoft liegt das daran, dass KI-Werkzeuge mehr finden, und nicht daran, dass Windows schlechter wird. Wir haben die Behauptung an unabhängigen Zahlen geprüft. Sie hält weitgehend, verdeckt aber das eigentliche Problem: Die Lücken werden inzwischen schneller gefunden, als Entwickler sie prüfen und Firmen die Updates einspielen können.

Darum geht es
Am 13. Oktober 2026 hat Microsoft am Patchday laut eigenen Release Notes 1.413 Sicherheitslücken (CVEs, also offiziell registrierte und durchnummerierte Schwachstellen) geschlossen. Das ist ein Rekord. Vor dem Sommer hatte kein Patchday mehr als rund 200 CVEs enthalten. Am 5. November reagierte Nuno Costa, Partner Director für Windows Servicing and Delivery, im Windows-Blog auf die Sorge, das System werde immer löchriger:
„Eine höhere Zahl von CVEs bedeutet nicht, dass Windows unsicherer geworden ist.“
Microsofts Begründung: KI-Werkzeuge durchsuchen mehr Code gründlicher und finden Fehler, die schon lange im Code steckten. Wir haben diese Behauptung an Zahlen geprüft, die nicht von Microsoft stammen. Die These dieses Artikels lautet: Microsoft hat beim Finden weitgehend recht. Der Engpass liegt aber inzwischen woanders, nämlich beim Prüfen, Reparieren und vor allem beim Einspielen der Updates.
Die Kurve: von 100 auf über 1.400 im Monat
Wie viele Lücken es im Oktober genau waren, hängt davon ab, wer zählt. Tenable und Vicarius kommen auf 1.407, BleepingComputer auf 1.411. BleepingComputer zählt nur, was am Patchday selbst erschien, und lässt 348 Cloud- und Vorab-Fixes weg. Die Zero Day Initiative kommt auf 1.415. Die New York Times nannte 1.461, zählt aber „Patches“ statt CVEs. Laut WindowsForum passen nicht einmal Microsofts eigene Angaben zusammen: Die Release Notes nennen 1.413, die Aufschlüsselung nach Produkten ergibt 1.414.
Am Trend ändert das nichts. Die Monatsreihe von Vicarius und die reinen Windows-Zahlen, die Microsoft-Daten zufolge IT之家 und Windows Latest veröffentlicht haben, zeigen das Bild:
| Monat 2026 | CVEs gesamt (Vicarius) | davon Windows 2026 | Windows im Vorjahresmonat |
|---|---|---|---|
| Januar | 112 | 93 | 132 |
| Februar | 54 | 32 | 37 |
| März | 77 | 48 | 37 |
| April | 163 | 131 | 90 |
| Mai | 118 | 66 | 44 |
| Juni | 201 | 120 | 44 |
| Juli | 569 | 413 | 103 |
| August | 401 | 233 | 67 |
| September | 964 | 726 | 58 |
| Oktober | 1.407 | 1.123 | 134 |
Nachgerechnet: Von Januar bis Mai lag der Schnitt bei rund 105 CVEs pro Monat. Das deckt sich mit den „etwa 100“, die Cisco Talos nennt. Allein von Juli bis Oktober kamen 3.341 zusammen. Auffällig ist auch: Im Januar und Februar 2026 gab es in Windows sogar weniger Lücken als im Vorjahr. Der Sprung beginnt erst im Frühjahr. Talos bringt ihn mit KI-Modellen in Verbindung, die ab etwa April 2026 gezielt auf die Suche nach Schwachstellen getrimmt wurden, darunter Anthropics Mythos. Laut Windows Latest nutzt Microsofts eigener KI-Scanner MDASH neben hauseigenen Modellen auch Mythos.
Gefunden ist nicht ausgenutzt: was die KEV-Zahlen sagen
Wenn Windows wirklich unsicherer geworden wäre, müssten auch die Angriffe zunehmen. Der beste öffentliche Maßstab dafür ist der KEV-Katalog der US-Behörde CISA. KEV steht für „Known Exploited Vulnerabilities“: Dort landen nur Lücken, für die es Belege für echte Angriffe gibt.
Cisco Talos hat beides verglichen. Die Zahl der CVEs stieg im Jahresvergleich um 105 %, die der KEV-Neuaufnahmen um 37 %. Von 975 Microsoft-Advisories im September wurden ganze 3 in freier Wildbahn ausgenutzt, das sind rund 0,3 %. Im Oktober war es laut CrowdStrike und BleepingComputer genau eine von 1.413: CVE-2026-96951, eine Lücke in der Windows-Shell, über die sich Download-Warnungen umgehen lassen.
Wir haben den KEV-Katalog selbst grob nachgezählt. Am 4. November umfasste er 1.768 Einträge. Ende 2025 waren es laut SecurityWeek und heise 1.484. Daraus ergeben sich rund 284 Neuaufnahmen im Jahr 2026, sofern keine Einträge gestrichen wurden. Im gesamten Jahr 2025 waren es 245. Die Zahl der ausgenutzten Lücken wächst also spürbar, aber in einer völlig anderen Größenordnung als die Zahl der gefundenen.
Auch die Zahl der kritischen Lücken ist nicht explodiert. Laut CrowdStrike fiel sie von 113 im September auf 75 im Oktober, während die Gesamtzahl um 45 % stieg. Dustin Childs von der Zero Day Initiative fasst es so zusammen:
„Die Menge ist nicht mehr die eigentliche Geschichte. Entscheidend ist, dass das Finden schneller wächst als das Ausnutzen.“
Wird der Code durch KI schlechter?
Bleibt eine zweite Sorge: Schreibt KI-generierter Code selbst neue Fehler? Ein Autor auf Habr hat dazu die .NET-Bibliotheken von Version 6.0 bis 11 RC vermessen: 46 Operationen aus Dependency Injection, Konfiguration, Logging, Cache und EF Core, mit 30 Messrunden. Der Copilot-Agent hat im Repository dotnet/runtime bis Ende Oktober 1.734 Pull Requests geöffnet, also Änderungsvorschläge. 1.207 davon wurden übernommen. Das Ergebnis: Die größte Verlangsamung in 11 RC stammt von einer einzigen Zeile, die ein Mensch geschrieben hat. Ein Konfigurations-Binding dauert dadurch etwa 145 statt 61 Mikrosekunden. Die zweite, kleinere Verschlechterung geht auf einen Copilot-PR zurück, der einen Deadlock behob (einen Zustand, in dem sich Programmteile gegenseitig blockieren). Sie kostet etwa 0,9 Mikrosekunden pro erstem Aufruf.
Der Autor schließt daraus nur, dass es in den geprüften Bereichen „keine Anzeichen“ für schlechteren Code durch KI gibt, aber auch keinen Beweis für das Gegenteil. Wichtig ist außerdem: Gemessen wurde die Geschwindigkeit, nicht die Sicherheit. Für die Frage nach neuen Lücken ist das nur ein schwaches Indiz. Unabhängige Untersuchungen zur Sicherheit von KI-Code in Windows haben wir nicht gefunden.
Der neue Engpass: prüfen, reparieren, einspielen
Wenn das Finden billig wird, verschiebt sich der Druck nach hinten. Das zeigt sich an mehreren Stellen:
- Linux-Kernel: Laut Phoronix lagen die Kernel-Versionen 6.9 bis 6.19 bei rund 500 CVE-Fixes pro Release. Linux 7.0 kam auf über 1.000, Linux 7.2 auf über 1.500. Für 7.3 werden mehr als 2.000 erwartet. Tom's Hardware zitiert Maintainer, die sich „völlig überrollt“ fühlen. Phoronix schränkt ein, dass die meisten Funde niedrig priorisiert sind und oft in alten, wenig genutzten Treibern stecken.
- Open Source allgemein: Google nimmt seit dem 1. Oktober keine neuen Produktlücken mehr für sein Open-Source-Prämienprogramm OSS VRP an, voraussichtlich bis mindestens zum ersten Quartal 2027. Als Grund nennt Google eine Flut automatischer Meldungen, von denen „die große Mehrheit“ ungültig sei. Zahlen dazu hat Google nicht veröffentlicht. curl hatte sein Prämienprogramm schon Ende Januar eingestellt.
- Die Patches der KI-Labore: Laut CyberScoop meldet OpenAIs Daybreak-Website 661 erstellte und getestete Patches, von denen die Maintainer 458 übernommen haben. Das sind rund 69 %. Ob die übrigen 31 % abgelehnt wurden oder noch geprüft werden, geht daraus nicht hervor. OpenAIs Michael Aiello räumte ein, manche Maintainer würden schlicht nicht „auf Hunderte und Aberhunderte KI-gemeldeter Lücken antworten“.
- Unternehmen: Laut HackerOne ist der Rückstau bestätigter, aber noch offener Lücken auf der eigenen Plattform in zwei Jahren um 131 % gewachsen, obwohl sich die durchschnittliche Behebungszeit von 135 auf 62 Tage mehr als halbiert hat. Firmenchefin Kara Sprague: „Der Engpass ist nicht mehr das Finden, sondern alles zwischen dem Eingang einer Meldung und der Beseitigung des Risikos.“
Den deutlichsten Beleg liefert Microsoft selbst. Laut den Diagnosedaten einer Stichprobe von Unternehmensgeräten hatte zwei Wochen nach dem Patchday im August weniger als die Hälfte das Update installiert. Nach vier Wochen fehlte es noch auf etwa jedem vierten Gerät. Laut Windows Latest und IT之家 rät Microsoft inzwischen davon ab, Monatsupdates länger als drei Tage aufzuschieben. Im Blog selbst steckt diese Grenze vor allem im Intune-Dashboard: Dort gilt ein Gerät nach etwa drei Tagen ohne Update als „Exposed“, also ungeschützt. WindowsForum hält dagegen, dass viele Firmen Updates aus gutem Grund zuerst testen. Ein Patch, der eine Geschäftsanwendung lahmlegt, mache Admins beim nächsten vorsichtiger.
Das Zeitfenster schrumpft auf Stunden
Gefährlich wird die Verzögerung, weil Angreifer veröffentlichte Patches inzwischen mit KI analysieren können. Anthropic hat im Juni getestet, wie schnell das geht: Mythos Preview erzeugte für 18 von 21 Windows-Kernel-Patches einen Proof of Concept (einen Nachweis, dass sich die Lücke auslösen lässt). Der erste lag nach 31 Minuten vor, alle 18 nach sechs Stunden. Dazu kamen acht vollständige Angriffsketten bis zu Systemrechten, für rund 2.000 Dollar pro Stück. Anthropics Rechnung: Mit Windows Autopatch erreicht ein Patch etwa nach sieben Tagen 90 % der Geräte, der erzwungene Neustart kommt an Tag 11. Die Angriffe wären also fertig gewesen, bevor das erste Gerät geschützt war. Anthropic weist selbst darauf hin, dass ein echter Angriff noch mehr Schritte braucht, etwa Ziele finden und unentdeckt bleiben.
Wie das in der Praxis aussieht, zeigte „Black October“ bei PHP. Die erste Meldung der Lücken ging am 11. August ein, die gepatchten Versionen erschienen am 21. Oktober. Das sind 71 Tage für einen Fix, der laut Business Model Analyst rund 200 Dateien berührte. Weil Details vorher durchsickerten, zählte Cloudflare schon 10 Stunden vor der Bekanntgabe Tausende Angriffsversuche. 45 Minuten danach waren es Zehntausende, nach rund 12 Stunden Millionen. Zur Einordnung: Erfolgreiche Masseneinbrüche sind bisher nicht belegt. Previdian, SOCRadar und Hunt.io fanden laut The Hacker News keine gelungene Codeausführung, und Sophos beobachtete, dass Angreifer Mühe hatten, verlässliche Exploits zu bauen.
Einordnung
Unsere Einschätzung: Microsofts Kernaussage ist durch die unabhängigen Zahlen gut gestützt. Wenn die Zahl der CVEs um 105 % steigt, die der KEV-Einträge aber nur um 37 %, ausgenutzte Zero-Days pro Monat im einstelligen Bereich bleiben und die kritischen Lücken sogar zurückgehen, passt das zu einem Lager alter Fehler, das gerade abgetragen wird. Zu einem Windows, das plötzlich schlechter programmiert ist, passt es nicht. Ehrlicherweise heißt das aber auch: Diese Lücken steckten schon vorher im Code. Windows war also nie so sicher, wie die alten Zahlen nahelegten.
Unbelegt bleibt einiges. Microsoft hat nicht veröffentlicht, wie viele der Oktober-Lücken MDASH gefunden hat, und keinen kontrollierten Vorher-nachher-Vergleich vorgelegt. Die Installationsdaten stammen aus einer Stichprobe. t3n gibt Microsofts Aussage wieder, die Zahl ausgenutzter Lücken sei 2026 gegenüber den ersten neun Monaten des Vorjahres gesunken. Zahlen dazu fanden wir nicht. Dass KI-Code die Sicherheit nicht verschlechtert, ist ebenfalls nicht geprüft. Die Habr-Messung betrifft nur die Geschwindigkeit.
Prüfen lässt sich die These trotzdem. Talos verweist auf frühere Fehlerklassen wie Format-String-Bugs, die anstiegen und dann wieder abflauten. Sinken Microsofts Monatszahlen bis Mitte 2027 wieder auf einige Hundert, spricht das für den Abbau eines Rückstaus. Bleiben sie bei über tausend, ist das die neue Normalität.
Für dich als Nutzer oder Admin gilt unabhängig davon: Eine geschlossene Lücke schützt erst, wenn das Update installiert ist. Am November-Patchday ist schnelles Einspielen wichtiger als die Frage, wie viele CVEs auf der Liste stehen. Priorität haben laut Microsoft Systeme, die aus dem Internet erreichbar sind, die Identitätsinfrastruktur (etwa Active Directory) und besonders wertvolle Rechner. Die Frage „unsicherer oder nicht?“ lenkt vom eigentlichen Risiko ab: Die Zeit zwischen Patch und Angriff ist inzwischen kürzer als die Zeit, die die meisten Organisationen zum Patchen brauchen.
Quellen
- Windows Blog: A new standard for vulnerability management in the AI era (5.11.2026) blogs.windows.com
- Cisco Talos: There's only so much code – the rise in vulnerability numbers blog.talosintelligence.com
- IT之家: Microsoft sagt, Win11 sei nicht unsicherer geworden ithome.com
- Windows Latest: Microsoft swears Windows 11 isn't less secure windowslatest.com
- Unite.AI (es): Microsoft recurre a la IA para corregir más vulnerabilidades unite.ai
- WindowsForum: October 2026 Patch Tuesday and the AI-Era Triage Bottleneck windowsforum.com
- WindowsForum: Slow Enterprise Patch Deployment windowsforum.com
- The Hacker News: Microsoft Patches Record 1,413 Flaws thehackernews.com
- CrowdStrike: October 2026 Patch Tuesday Analysis crowdstrike.com
- BleepingComputer: October 2026 Patch Tuesday fixes 1,411 flaws bleepingcomputer.com
- t3n: Oktober-Patchday mit Rekordzahl an Lücken t3n.de
- CISA: Known Exploited Vulnerabilities Catalog cisa.gov
- SecurityWeek: CISA KEV catalog expanded 20% in 2025, topping 1,480 entries securityweek.com
- Habr: Ist Microsofts Code durch KI schlechter geworden? .NET 6.0 bis 11 RC habr.com
- Tom's Hardware: Linux kernel nears 2,000 CVEs per release tomshardware.com
- Phoronix: The Linux Kernel Is Approaching 2,000 CVEs Per Release phoronix.com
- CyberScoop: OpenAI on AI-generated bug reports cyberscoop.com
- Daily Business Now: HackerOne report on exposure debt dailybusinessnow.com
- NxCode: Google paused OSS VRP reports – what actually closed nxcode.io
- Anthropic: Measuring LLMs' impact on N-day exploits anthropic.com
- GIGAZINE: Cloudflare stats on PHP2Shell attempts gigazine.net
- The Hacker News: PHP2Shell exploit attempts hit millions thehackernews.com
- Business Model Analyst: AI finds bugs cheap, fixing them isn't businessmodelanalyst.com
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