1,8 Mio. Umsatz, 2,5 Mrd. Bewertung: Was die Börsenzahlen über Humanoide verraten

Seit heute ist Agility Robotics als erster reiner Humanoiden-Hersteller der USA an der Nasdaq notiert. Wir haben die Pflichtangaben neben die geprüften Zahlen von Unitree und UBTech gelegt. Das Bild ist eindeutig: Humanoide verkaufen sich bisher vor allem an Labore, Hochschulen und Datenzentren. In Fabrikhallen stehen sie kaum.

Analysen 5. Nov. 2026 8 Min. Lesezeit Eigene Analyse der Redaktion
Symbolbild, KI-generiert

Darum geht es

Humanoide Roboter gelten als nächster großer KI-Markt. Firmenchefs sprechen von Millionen Maschinen in Fabriken und Lagerhallen. Belastbare Zahlen gab es dazu bisher kaum, denn die meisten Hersteller sind privat und veröffentlichen nur, was ihnen nützt. Das ändert sich gerade. Seit dem 5. November 2026 wird Agility Robotics unter dem Kürzel AGLT an der Nasdaq gehandelt. Es ist das erste reine Humanoiden-Unternehmen an einer US-Börse. Für den Börsengang musste Agility seine Bücher bei der US-Börsenaufsicht SEC offenlegen. Gleichzeitig liegen der Börsenprospekt des chinesischen Marktführers Unitree und der Halbjahresbericht von UBTech aus Hongkong vor.

Wir haben diese Pflichtangaben nebeneinandergelegt. Unsere These: Humanoide verkaufen sich bisher vor allem als Forschungs- und Vorführgerät, nicht als Fabrikarbeiter. Pressemitteilungen verwischen außerdem regelmäßig drei Dinge, die man auseinanderhalten muss:

  • Auftrag: eine Absichtserklärung oder ein Vertrag, oft an Bedingungen geknüpft.
  • Auslieferung: Der Roboter hat das Werk verlassen.
  • Verbuchter Umsatz: Das Geld steht nach Bilanzregeln wirklich in den Büchern.

Agility: 2,5 Milliarden Bewertung, 1,8 Millionen Umsatz

Agility hat sich über eine sogenannte SPAC-Fusion mit Churchill Capital Corp XI an die Börse gebracht. Ein SPAC ist eine leere Börsenhülle, die mit einem privaten Unternehmen verschmilzt. So entfällt der klassische Börsengang mit seiner strengen Preisfindung. Laut Investorenpräsentation lag die Bewertung vor der Fusion bei 2,5 Mrd. Dollar. Nach der Präsentation vom Juni sollten rund 620 Mio. Dollar frisches Geld fließen. Am Ende waren es laut Agility etwa 465 Mio. Dollar brutto: rund 164 Mio. aus dem Treuhandkonto des SPAC, rund 201 Mio. aus einer von Foxconn angeführten Privatplatzierung und 100 Mio. Dollar, die schon vorher eingegangen waren. Den Rest erklären die Rücknahmen: Rund 61,5 % der SPAC-Aktionäre ließen sich ihr Geld lieber auszahlen, als in Agility einzusteigen.

Die geprüften Zahlen aus dem Prospekt sind ernüchternd:

  • 2025: 1,78 Mio. Dollar Umsatz. Davon kamen laut Finanzteil 1,13 Mio. Dollar (rund 64 %) von nahestehenden Parteien, also Investoren oder eng verbundenen Firmen. Mehr als die Hälfte des Jahresumsatzes stammte aus fünf Robotern, die ein Investor kaufte. Die direkten Kosten lagen bei 4,47 Mio. Dollar, die Bruttomarge also bei etwa minus 151 %. Der Nettoverlust betrug 138,1 Mio. Dollar.
  • Erstes Halbjahr 2026: 174.362 Dollar Umsatz, nach 624.866 Dollar ein Jahr zuvor. Laut TechCrunch stammte der Großteil von nahestehenden Parteien. Der Nettoverlust lag bei 361,9 Mio. Dollar. Ein Großteil davon dürfte auf nicht zahlungswirksame Posten wie Aktienvergütung entfallen, die genaue Aufschlüsselung haben wir aber nicht im Original prüfen können.
  • Fortführungsprognose: Agility schreibt selbst, dass ohne die Fusion „erhebliche Zweifel“ am Fortbestand des Unternehmens bestünden.

Auf den Börsenwert umgerechnet ist Agility vor der Fusion mit gut dem 1.400-Fachen des Jahresumsatzes 2025 bewertet. Eine Zahl ausgelieferter Digit-Roboter nennt Agility nicht. Belegt sind neun Kundenstandorte, an denen Digit eingesetzt oder fest eingeplant ist, und mehr als 65.000 Betriebsstunden. Namentlich genannt werden unter anderem GXO, Schaeffler, Toyota Motor Manufacturing Canada und Mercado Libre. In der Fabrik RoboFab in Salem (Oregon) könnten laut Agility 10.000 Roboter pro Jahr entstehen.

Der 300-Millionen-Auftrag im Detail

Die Schlagzeile „über 300 Mio. Dollar Aufträge für Digit 5“ trägt die Börsengeschichte. Im Kleingedruckten sieht sie anders aus:

  • Es handelt sich um einen einzigen Kunden und um 1.000 Roboter im Mietmodell „Robots as a Service“ (RaaS) über drei Jahre. RaaS heißt: Der Kunde zahlt eine Monatsrate, die Roboter bleiben im Besitz von Agility. Die Vorfinanzierung der Hardware trägt also Agility.
  • Laut den nachgebesserten Unterlagen ist dieser Kunde eine nahestehende Partei. Wer genau, bleibt offen.
  • Der Auftrag steht laut Agility unter dem Vorbehalt „vertraglicher Meilensteine, Funktionen und Spezifikationen“. Agility schreibt selbst, die Summe sei „kein Umsatz der laufenden Periode“.
  • Für jeden beschafften Roboter bekommt der Kunde 453 Optionsscheine, also das Recht, später Aktien zu einem festen Preis zu kaufen. Bei 1.000 Robotern sind das 453.000. Laut einer Analyse bei Invest Deep Tech prüfte Agility im Juli noch, wie das bilanziert wird. Solche Zugaben können den verbuchbaren Umsatz unter die 300 Mio. drücken.
  • Digit 5 wurde erst am 15. September 2026 vorgestellt. Erste Kunden sollen ihn im ersten Halbjahr 2027 bekommen, allgemein verfügbar sein soll er Ende 2027.

Zum Nachrechnen: 300 Mio. Dollar für 1.000 Roboter über drei Jahre ergeben rund 100.000 Dollar pro Roboter und Jahr. Das passt zur Mietrate von etwa 8.500 Dollar im Monat aus der Investorenpräsentation. Wird der Auftrag voll erfüllt, wären das rund 100 Mio. Dollar Jahresumsatz, das gut 55-Fache von 2025. Unsere Einschätzung: Das ist ein Ziel mit Bedingungen, kein Auftragsbestand im üblichen Sinn.

Unitree: viele Roboter, aber vor allem für Labore

Unitree ist seit dem 19. August 2026 am Shanghaier Technologiesegment STAR Market notiert. Der Ausgabepreis lag bei 150,80 Yuan, die Aktie eröffnete bei 1.100 Yuan. Anders als Agility verdient Unitree Geld: 2025 rund 1,7 Mrd. Yuan Umsatz und rund 600 Mio. Yuan bereinigter Gewinn.

Bei den Stückzahlen zeigt sich das Problem der drei Begriffe:

Kennzahl 2025 Wert Quelle
Ausgeliefert (Firmenangabe) über 5.500 Unitree, Prospekt
Verkauft/verbucht 5.215 Prospektauswertungen
Produziert 5.716 (laut Unitree im Januar: über 6.500) Prospekt / Caixin
Schätzung Analysehaus ca. 4.200 Omdia
Humanoiden-Umsatz ca. 868 Mio. Yuan Prospekt

868 Mio. Yuan geteilt durch 5.215 Stück ergibt rund 166.000 Yuan pro Roboter, umgerechnet knapp 25.000 Dollar. Gegenüber Caixin erklärte Unitree, man zähle nur an Endkunden ausgelieferte Humanoide. Eine verbindliche Definition gibt es in der Branche nicht. Laut NextMSC zählt der Branchenverband IFR für 2025 weltweit nur rund 7.000 verkaufte Humanoide, Omdia dagegen 13.318. Der Unterschied liegt vor allem daran, was jeweils mitgezählt wird.

Am meisten verrät die Aufteilung nach Kundengruppen, die der Prospekt für die ersten neun Monate 2025 nennt:

  • Forschung und Lehre: 73,6 %
  • Kommerzielle Nutzung (Vorführungen, Ausstellungen, Events): 17,39 %
  • Industrieanwendungen: 9,01 %

Selbst diese 9 % sind großzügig gezählt. Laut der Prospektauswertung von Sina Finance entfallen 50 bis 70 % davon auf Empfangs- und Führungsrobotik in Unternehmen. Echte Industrie-Szenarien brachten nur 15,7 Mio. Yuan. Bei einem Humanoiden-Umsatz von 595 Mio. Yuan in diesem Zeitraum sind das nach unserer Rechnung etwa 2,6 %. Im dritten Quartal 2026 stieg Unitrees Umsatz um 70 % auf 665 Mio. Yuan, der Gewinn fiel aber um 17 %. Eine Aufteilung nach Produkten enthält der Quartalsbericht nicht.

UBTech: Aufträge von Datenzentren, weiter Verluste

UBTech aus Shenzhen ist in Hongkong notiert und berichtet halbjährlich. Für 2025 meldete das Unternehmen 821 Mio. Yuan Umsatz mit Humanoiden in voller Körpergröße, 1.079 verkaufte Einheiten und einen Nettoverlust von 790 Mio. Yuan. Die Aufträge für die Walker-Reihe summierten sich bis Ende Dezember 2025 auf fast 1,4 Mrd. Yuan. Viele der großen Einzelaufträge kamen von Datensammel- und Trainingszentren für Humanoide, etwa in Jiujiang (143 Mio. Yuan), Zigong (159 Mio.), Huizhou (60 Mio.) und Hohhot (78 Mio.). In solchen Zentren üben Roboter Bewegungen, um Trainingsdaten für KI zu erzeugen. Sie arbeiten dort nicht in einer Produktion.

Im ersten Halbjahr 2026 verkaufte UBTech 921 Humanoide in voller Körpergröße für 590,3 Mio. Yuan. Diese Kategorie umfasst neben dem Industrieroboter Walker S2 auch andere Modelle. Das ergibt rechnerisch rund 640.000 Yuan pro Einheit, fast viermal so viel wie bei Unitree, wohl weil Lösungs- und Projektgeschäft mitverbucht wird. Der Nettoverlust lag bei 338,8 Mio. Yuan. Das Ziel für 2026 sind 10.000 Einheiten in voller Körpergröße, ein Halbjahr brachte also knapp ein Zehntel davon.

Figure, Tesla, AGIBOT: Ankündigungen ohne Bilanz

Die bekanntesten US-Namen haben keine vergleichbaren Pflichtangaben. Laut NextMSC hatte Figure bis Ende April 2026 mehr als 350 Figure-03-Roboter gebaut. Sie gingen vor allem in interne Entwicklung, Datensammlung und Pilotprojekte. Bei BMW in Spartanburg arbeiteten Figure-02-Roboter rund elf Monate lang mit und halfen beim Bau von über 30.000 BMW X3. Tesla hat laut seiner Telefonkonferenz zum dritten Quartal die „frühe Produktion“ von Optimus in Fremont begonnen. Eine Stückzahl nennt Tesla nicht, externe Kunden sollen ab etwa Ende 2027 beliefert werden. AGIBOT wurde von Omdia mit 5.168 Einheiten für 2025 auf Platz eins gesetzt. Einen eigenen Prospekt gibt es nicht, das Unternehmen hat aber die Kontrolle über den börsennotierten Werkstoffhersteller Swancor übernommen.

Unser Fazit

Die Pflichtangaben bestätigen die These weitgehend. Der einzige Hersteller, der nennenswert Humanoide verkauft und Geld verdient, ist Unitree, und zwar vor allem mit günstigen Geräten für Universitäten und Labore. UBTech macht hohe Umsätze mit Datenzentren und schreibt weiter Verluste. Agility hat jahrelange echte Einsätze in Lagerhallen vorzuweisen, aber kaum Umsatz. Der wichtigste Auftrag stammt von einer nahestehenden Partei und ist an Bedingungen geknüpft.

Unsere Einschätzung: Wer Meldungen über Humanoide liest, sollte immer fragen, welche der drei Größen gemeint ist. Ist es ein bedingter Auftrag, eine Auslieferung oder ein verbuchter Umsatz? Und wer ist der Kunde: eine Fabrik, ein Labor oder ein Investor? Genau diese Unterschiede gehen in vielen Pressemitteilungen unter. Fair bleibt: Agility hat als Erster in den USA alle Zahlen offenlegen müssen, die Konkurrenz von Figure bis Tesla bisher nicht. Ob Digit 5 die zugesagten Werte bei Durchsatz, Laufzeit und Genauigkeit erreicht, zeigt sich frühestens 2027. Wie die AGLT-Aktie am ersten Handelstag abschloss, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest.

Quellen

#humanoide roboter#agility robotics#unitree#ubtech#börse#robotik

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