Codex baut in 11 Tagen einen Linux-kompatiblen Kernel, der Rocky Linux 10 bootet

Rocky-Linux-Gründer Gregory Kurtzer hat mit einem Codex-Agenten in 11 Tagen den Kernel „Ginux“ geschrieben, rund 139.000 Zeilen, größtenteils Rust. Er startet Rocky Linux 10 samt systemd und liegt in einfachen Benchmarks nah an Linux.

Forschung 4. Nov. 2026 4 Min. Lesezeit Quelle: InfoQ China (CN)
Symbolbild, KI-generiert

Worum es geht

Am 27. Oktober 2026 kündigte Gregory Kurtzer auf X an, in nur 11 Tagen einen neuen, Linux-kompatiblen Kernel gebaut zu haben. Kurtzer ist Mitgründer von CentOS und Initiator von Rocky Linux, das nach dem Ende von CentOS Linux durch Red Hat entstand. Das Projekt heißt Ginux, ist ein unabhängiger, überwiegend in Rust geschriebener Kernel für x86-64 und kein Fork des Linux-Kernels. Er bootet Rocky Linux 10 und führt systemd aus. Laut Bericht sind es etwa 139.000 Zeilen Code. Der Code liegt unter Apache 2.0 auf GitHub, dazu gibt es einen 13-seitigen technischen Bericht.

Wie Ginux entstand

Vorbild war ein Experiment von Anthropics Nicholas Carlini: 16 parallel laufende Claude-Agenten bauten einen C-Compiler, mit rund 2.000 Sitzungen, etwa 20.000 US-Dollar und rund 100.000 Zeilen Rust. Bei einem Kernel ist die Überprüfung schwieriger als bei einem Compiler mit Testsuite. Kurtzer wollte wissen, wie weit KI Systemsoftware bringt, wenn ein Fachexperte Architektur, Randbedingungen, Meilensteine und Abnahmekriterien vorgibt.

Die Arbeit lief fast vollständig in einer einzigen, durchgehenden Codex-Aufgabe mit GPT-5.6 Sol. Der Autor legte Architektur und Abläufe fest, interpretierte Ergebnisse und entschied über die Abnahme. Kurtzer nennt sein Vorgehen „Human-Directed Agentic Engineering“ (HDAE) mit zwei Schleifen:

  • Äußere Schleife: Vision → Architektur und Vorgaben → Abnahmekriterien → menschliche Prüfung des beobachteten Verhaltens → Korrektur, Priorisierung oder Abnahme.
  • Innere Agentenschleife: Implementieren → bauen und in QEMU (Emulator für virtuelle Maschinen) ausführen → Fehler messen und analysieren → überarbeiten → Regressionstests.

Systemd wählte er als Prüfstein, weil es viele Systemkomponenten braucht und den ganzen Systemstart trägt. Da es in Containern heikel startet, baute Ginux zuerst „Domänen“ und erst danach Container. Auf X sagte Kurtzer, Codex verschwende weniger Token auf Nebenpfade. Trotzdem musste er es oft zurückholen. Er schloss sogar seine IDE, um nicht selbst einzugreifen und der KI nur neue Anweisungen zu geben. Sein Rezept sei: viele Abnahmehürden. „Vibe Coding“ ohne Führung passe nicht zu so einem Projekt. Viele Fehler erzeugten plausibel aussehende Ausgaben, die Linux-Semantik, Isolation oder Lebenszyklus verletzten, also „AI-Müll“.

Was Ginux kann

Im Ergebnis: 1.037 Commits, 261 verfolgte Dateien, 63 Rust-Quelldateien. Ginux hat eigene Speicherverwaltung, Scheduler, Prozessmodell, Dateisysteme, Netzwerk und Gerätesupport. Weil es die Linux-ABI (die Binärschnittstelle, über die Programme mit dem Kernel sprechen) umsetzt, laufen unveränderte Linux-Binaries. Der Kernel wird als GINUX.EFI per UEFI direkt gestartet, ohne Linux-Host. Er betreibt voneinander isolierte „Domänen“ mit eigenen Prozessen, Adressräumen, Dateisystemen und Lebenszyklen. Laut Projekt ist diese Isolation stärker als bei OCI-Containern oder Linux-Namespaces. Ginux kann OCI-Images laden, prüfen und daraus das Root-Dateisystem einer Domäne bauen. Damit startet Rocky Linux 10 bis zum systemd-Ziel multi-user.target. Auch Teile von Alpine (musl, BusyBox) laufen.

Benchmarks

Verglichen wurde in einer VM auf einem Apple-Silicon-Mac mit 1 CPU-Kern und 2 GiB RAM. Rocky Linux 10 war mit Ginux nach 12,9 Sekunden login-bereit, mit dem Linux-Kernel nach 42,6 Sekunden (etwa 3,3-fach schneller). Das ist nur bedingt vergleichbar, da Ginux keinen Kernel laden muss und das Dateisystem gecacht war. Aussagekräftiger sind Sysbench-Läufe (3 Sekunden, Median aus neun Läufen). Die Tabelle mit Zahlen fehlt im Quelltext; laut Bericht liegen CPU und Threads leicht über Linux, Speicher leicht darunter, mit Abweichungen von einstelligen bis rund zehn Prozent.

Kosten und Lizenz

Die API-Kosten betrugen rund 8.000 US-Dollar. Die Lizenz ist Apache 2.0.

Einordnung

Kurtzer selbst warnt vor Überinterpretation: KI könne komplexe Systemsoftware erzeugen, aber Kompatibilität, Sicherheit, Hardware-Support, Standards, Community und langfristige Wartung seien die eigentlichen Schutzgräben. Ginux hat keine vergleichbare Hardware-Matrix, keine Standardgremien und keine Community und kann nicht versprechen, dass heutige Programme morgen laufen. Offen bleibt, wie robust und sicher der Kernel jenseits der Tests ist; die Zahlen stammen vom Autor selbst und sind nicht unabhängig geprüft. Interessant ist das Ergebnis für alle, die wissen wollen, wie weit agentisches Programmieren bei Systemsoftware trägt: Es zeigt viel, wenn ein erfahrener Experte steuert, und wenig ohne ihn.

Quellen

#ginux#codex#linux#rust#agenten
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