Der Fälscherkönig packt aus: Wie OnlyFake KI-Ausweise für 15 Dollar verkaufte
Yuriy Nazarenko betrieb OnlyFake, eine Untergrund-Website, die per KI täuschend echte Fotos gefälschter Ausweise erzeugte – für 15 Dollar das Stück. Nach Gefängnis, Abschiebehaft und Flucht erzählt der 28-Jährige im Gespräch mit 404 Media erstmals, wie sein Dienst die Identitätsprüfung im Netz aushebelte und sogar von nordkoreanischen IT-Arbeitern genutzt wurde.

Worum es geht
Das US-Techmedium 404 Media hat am 5. November 2026 ein ausführliches Porträt von Yuriy Nazarenko veröffentlicht – dem Mann hinter OnlyFake, einer Untergrund-Website, die gefälschte Ausweise automatisch und mithilfe generativer KI herstellte. Der 28-jährige Ukrainer spricht darin erstmals öffentlich über seinen Dienst, seine Festnahme, das Gefängnis in New York, die anschließende Abschiebehaft und sein heutiges Leben in Thailand. Grundlage des Artikels sind laut 404 Media Interviews mit Nazarenko und seinem Anwalt, Gerichtsakten und eigene Recherchen in der Betrugsszene. Der Autor war Anfang 2024 auch der erste Journalist, der OnlyFake öffentlich machte – deshalb, so Nazarenko, habe er sich ausgerechnet an ihn gewandt.
Vom Photoshop-Fälscher zum „Startup im illegalen Markt“
Angefangen hat alles in der Wohnung seines Großvaters in der Ukraine: Nazarenko bearbeitete dort Pixel für Pixel eingescannte Pässe in Photoshop – inklusive der MRZ-Zeilen (die maschinenlesbare Textzone am unteren Rand eines Ausweises), der Porträtfotos und der Eigenheiten jedes Dokumententyps. Ein einziger hochwertiger Fake konnte bis zu einer Woche Arbeit kosten. Photoshop hatte er sich ursprünglich für Thumbnails seines Gaming-YouTube-Kanals beigebracht; zuvor hatte er als Koch, Kellner, Supermarktmitarbeiter und Kameramann gearbeitet.
Weil Handarbeit nicht skaliert, baute er erst Vorlagen und dann eine Website, die Ausweise automatisch mit den gewünschten Daten befüllte. Dafür heuerte er Programmierer an – darunter laut eigener Aussage einen Hacker, der früher in Regierungswebsites eingebrochen sei – sowie Designer. Um möglichst viele Dokumenttypen anbieten zu können, kaufte er über Telegram Scans echter Ausweise auf, besonders aus den USA. So entstand eine Bibliothek von Argentinien bis Spanien.
Mit dem Aufkommen generativer KI kamen weitere Bausteine hinzu: eine große Datenbank KI-generierter Gesichter, die Kunden in die Dokumente einsetzen konnten, und KI-erzeugte Hintergründe. Das Ergebnis waren nicht nur Scans, sondern scheinbare Handyfotos von Ausweisen, die auf einem Sofa, Teppich oder Schreibtisch liegen – genau das Format, das Banken und Kryptobörsen bei der Online-Identitätsprüfung verlangen.
„Andere Kriminelle verkauften Fische, ich verkaufte die Angel.“
So beschreibt Nazarenko sein Geschäftsmodell. Es gab Einzelkäufe und Abos: Das „Light“-Paket kostete 99 Dollar im Monat für 10 Generierungen, die „Ultimate“-Stufe 1.500 Dollar – dafür konnten Kunden eine Tabelle mit Personendaten hochladen und massenhaft Ausweise erzeugen, inklusive persönlichem Telegram-Support. Er habe das Projekt geführt „wie ein normales Tech-Startup, nur eben in einem illegalen Markt“, sagt er. Konkurrenten griffen die Seite mit DDoS-Attacken an (dabei wird eine Website mit so viel Schein-Traffic geflutet, dass sie unbenutzbar wird) und versuchten, die Vorlagen-Datenbank zu stehlen. Nazarenko berichtet offen von Stress, Paranoia und Drogenkonsum – von Energydrinks über Kokain bis zu LSD und Ecstasy.
Warum OnlyFake die Identitätsprüfung bedrohte
Im Zentrum steht KYC („Know Your Customer“) – die Pflicht von Finanzdienstleistern, ihre Kunden zu identifizieren, oft per hochgeladenem Ausweisfoto. Ein überzeugender digitaler Fake ist in der kriminellen Welt laut 404 Media „wie ein Generalschlüssel“: Er öffnet Bankkonten, Krypto-Konten oder Mietverträge, ohne die echte Identität preiszugeben.
Der Reporter testete das Anfang 2024 selbst: Er gab den erfundenen Namen „David Creeks“ und ein zufälliges Geburtsdatum ein, die Seite ergänzte Ausstellungs- und Ablaufdatum automatisch. Minuten später hatte er einen kalifornischen Führerschein „auf einem Teppich“ und einen britischen Pass. Mit dem Fake eröffnete er erfolgreich ein Konto bei der Kryptobörse OKX. Ehemalige OKX-Mitarbeiter berichteten später, der Test habe intern eine Welle von Änderungen ausgelöst, um die Systeme gegen KI-Ausweise zu härten. Der Sicherheitsforscher Abhishek Mathew sagte damals, Kriminelle nutzten OnlyFake, um Bankkonten zu eröffnen oder gesperrte Binance-Konten wieder freizuschalten. Nazarenko selbst – damals unter dem Pseudonym „John Wick“ – nannte als mögliche Ziele auch Airbnb, Coinbase und Revolut, behauptete aber gleichzeitig, Fälschen sei auf der Seite „verboten“.
Post von der UN: Nordkoreas IT-Arbeiter als Kunden
Am 26. Februar 2024 schickte ein UN-Expertengremium einen Brief an die E-Mail-Adresse von OnlyFake. Darin hieß es, nordkoreanische IT-Arbeiter hätten den Dienst genutzt, um gefälschte Pässe und Führerscheine für Freelancer-Plattformen, soziale Netzwerke und Zahlungsdienste zu erstellen. Hintergrund: Tausende Nordkoreaner haben sich – vor allem während der Pandemie – Remote-Jobs bei US-Firmen erschlichen und ihre Gehälter an das Regime weitergeleitet, das damit unter anderem sein Atomprogramm finanziert. Die UN verlangten eine Liste der nordkoreanischen Nutzer, Kopien aller für sie erzeugten Dokumente und Angaben zu Gegenmaßnahmen. Nazarenko gab nichts heraus, sagt aber, spätestens da habe er gemerkt, dass ihm die Sache über den Kopf wuchs.
Der Brief nannte auch PassportCloud, eine Seite mit Photoshop-Vorlagen für Ausweise und Rechnungen, die offenbar mit OnlyFake verbunden war. Ob er auch dahintersteckte, ließ Nazarenko trotz mehrfacher Nachfrage offen.
FBI, Festnahme und ein mildes Urteil
Im Mai 2024 kaufte ein verdeckter Ermittler im Auftrag der Staatsanwaltschaft des Southern District of New York nacheinander einen New Yorker Ausweis, eine US-Passkarte, einen Führerschein, einen US-Pass und eine Sozialversicherungskarte. Der Kundensupport erklärte ihm sogar, wie man damit die KYC-Prüfung von Kryptobörsen umgeht.
Ausgerechnet der Fälscher war bei der eigenen Tarnung nachlässig: Er schickte Bitcoin-Einnahmen an ein Börsenkonto auf seinen echten Namen. Am 13. Juni 2025 wurde er bei der Einreise nach Bukarest festgenommen, saß drei Monate in Rumänien in Haft und wurde nach New York ausgeliefert. Im Metropolitan Detention Center in Brooklyn wurde er laut seinem Anwalt von Gangmitgliedern angegriffen. Sein Anwalt Igor Litvak sagt, Nazarenko habe Kooperation inklusive Kundendaten angeboten, die Staatsanwaltschaft sei darauf aber nicht eingegangen – warum, beantwortete sie nicht.
Im Juni 2026 wurde er zu 12 Monaten verurteilt, die er bereits abgesessen hatte – bei einer Höchststrafe von 15 Jahren. 404 Media vermutet als Grund, dass die Behörden keine konkreten Opfer benannten. OnlyFake lief laut Litvak während großer Teile der Haft weiter. Direkt nach dem Urteil nahm ihn die Einwanderungsbehörde ICE fest; zwei Monate Abschiebehaft beschreibt er als „viel, VIEL schlimmer als das Gefängnis“. Am 17. August wurde er abgeschoben, in der Ukraine nach eigener Aussage zum Militär eingezogen, floh zu Fuß und lebt nun in Thailand, wo er an einer Event-App namens TapMap arbeitet.
Einordnung
Die Geschichte zeigt exemplarisch, wie generative KI Betrug industrialisiert: Was früher eine Woche Handarbeit eines Spezialisten war, wurde zum Massenprodukt für 15 Dollar. Laut 404 Media hat OnlyFake zahlreiche Nachahmer hervorgebracht; das FBI ging gegen mindestens einen vor, manche sind verschwunden, neue tauchen auf. Forscher haben zudem gezeigt, dass sich auch mit kommerziellen Chatbots Fotos von Menschen mit Ausweisen erzeugen lassen, auch wenn die großen Labore Schutzmechanismen einbauen. Auf der Gegenseite haben Unternehmen ihre Erkennung verbessert und können manche KI-Fakes – auch die von OnlyFake – inzwischen an Spuren erkennen, die Menschen nicht sehen.
Kritisch bleibt: Vieles im Porträt beruht auf Nazarenkos eigener Darstellung, etwa zu Reue, Flucht und Neuanfang. Die vergleichsweise milde Strafe und die abgelehnte Kooperation werfen Fragen auf, ebenso die Erkenntnis, dass ein Foto vom Ausweis als Identitätsnachweis immer weniger taugt. Bezeichnend ist das Ende des Artikels: Als Nazarenko seine Identität belegen sollte, schickte er ein Foto seines Passes – und der Reporter prüfte es mit einem Online-Tool auf KI-Manipulation. Es fand keine.
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