GPT-6 Astra knackt verschlüsselten Napoleon-Brief nach 217 Jahren

Ein KI-Ingenieur ohne Kryptografie-Erfahrung hat mit OpenAIs GPT-6 Astra einen chiffrierten Brief aus Napoleons Umfeld von 1809 entschlüsselt. Das Modell brauchte sechs Stunden, einen schlechten Scan und eine einzige Anweisung. Historiker sind beeindruckt, auch wenn im Brief kaum Neues steht.

Forschung 8. Nov. 2026 6 Min. Lesezeit Quelle: t3n – KI (DE)
Symbolbild, KI-generiert

Worum es geht

Im März 1809 stand ein Krieg zwischen Frankreich und dem Habsburgerreich bevor. Napoleon Bonaparte ließ deshalb über seinen Stiefsohn Eugène de Beauharnais, den Vizekönig von Italien, einen verschlüsselten Brief an Marschall Auguste de Marmont schicken. Marmont stand mit seinen Truppen in Dalmatien, im heutigen Kroatien, weit weg von den übrigen französischen Armeen. Falls der Feind den Brief abfing, sollte er nichts damit anfangen können. Marmont hat ihn vermutlich entziffert. Der Schlüssel ging aber verloren, und so blieb der Inhalt 217 Jahre lang unbekannt.

Jetzt hat Carter Church den Brief entschlüsselt. Er arbeitet als KI-Ingenieur bei der Cybersecurity-Firma SentinelOne. Dafür nutzte er GPT-6 Astra, das neue Modell von OpenAI. Church machte das Ergebnis laut Live Science am 30. September in einem Beitrag auf X öffentlich, laut t3n auch auf seiner Homepage. Über die Geschichte haben unter anderem The Telegraph, Live Science und t3n berichtet.

Ein schlechter Scan und ein einziger Prompt

Der Ausgangspunkt war dürftig. Church sagte Live Science, das einzige öffentlich zugängliche Bild des Briefs sei ein Scan in niedriger Auflösung, den eine französische Militärzeitschrift 1969 abgedruckt hatte. Diesen Scan und einen einzigen Prompt gab er GPT-6 Astra. Sechs Stunden später lag die Lösung vor.

Der Brief besteht aus rund 1300 Zeichen und 155 verschiedenen Symbolen: zweistellige Zahlen, einzelne Buchstaben und frei erfundene Zeichen. Es handelt sich um einen homophonen Code. Häufige Buchstaben wie das „e“ werden dabei durch mehrere austauschbare Symbole dargestellt. So kann niemand den Code einfach knacken, indem er zählt, welches Zeichen am häufigsten vorkommt.

Zuerst musste das Modell den unscharfen Scan in eine Zeichenfolge übertragen. Danach machte es nach Churchs Schilderung etwas Bemerkenswertes: Bei seiner eigenständigen Web-Recherche fand es eine Teiltabelle des Kryptologie-Historikers Daniel Tant. Sie verzeichnet die Bedeutung von 33 Symbolen, das deckt etwa ein Drittel des Briefs ab. Bisher hatte niemand diese Tabelle mit dem Marmont-Brief in Verbindung gebracht.

„Astra hat diese Verbindung selbst über Web-Recherche hergestellt, während es ermittelte“, so Church gegenüber Live Science.

Tant hatte die Tabelle als „Code entre Eugène de Beauharnais et le Général Grammont“ katalogisiert. Church hält das möglicherweise für einen Namensfehler, Grammont statt Marmont. Das Modell probierte die Tabelle einfach an dem Brief aus, und es funktionierte.

Wie die KI den Rest knackte

Von diesen 33 bekannten Zeichen aus erschloss GPT-6 Astra die übrigen Symbole. Dafür nutzte es simulierte Abkühlung (englisch „simulated annealing“). Bei diesem Suchverfahren probiert man viele mögliche Zuordnungen durch und verbessert sie Schritt für Schritt. Anfangs werden auch schlechtere Zwischenlösungen zugelassen, damit die Suche nicht zu früh in einer Sackgasse landet. Der Name stammt aus der Metallverarbeitung, wo langsames Abkühlen zu einer besseren Kristallstruktur führt.

Jede Kandidatenlösung wurde laut t3n mit Statistiken über Buchstabenhäufigkeiten in französischen Texten verglichen. Als Grundlage dienten französische Literatur aus der Zeit und Briefe Marmonts. Laut Telegraph-Bericht (zitiert von Incrypted und AzerNews) wurden mögliche Wörter auch mit Marmonts persönlicher Korrespondenz abgeglichen. Dabei stieß das Modell immer wieder auf Zeichen, die als einzelne Buchstaben keinen Sinn ergaben. Durch Ausprobieren stellte sich heraus, dass manche Symbole für ganze, teils altertümliche Wörter stehen.

Die Quellen schildern den Ablauf nicht ganz gleich. t3n schreibt, die KI sei mit Literatur und Briefen „gefüttert“ worden. Church betont gegenüber Live Science dagegen, er habe nur einen Prompt und ein Bild geliefert. Wie viel Material das Modell selbst gesucht hat und wie viel es bekommen hat, lässt sich aus den Berichten nicht genau sagen.

Was im Brief steht

Der Brief nennt Marmont die Positionen der französischen und verbündeten Armeen auf dem Kontinent. Laut t3n gehören dazu 40.000 bayerische Soldaten bei München oder Passau und ein Elitekorps bei Augsburg. Außerdem geht es um Truppenstärken der Österreicher. Napoleon fordert den Marschall auf, sich bereitzuhalten:

„Wenn Sie den Marschbefehl erhalten, dürfen Sie sich nicht von ein paar Truppen oder einer Ansammlung von Gesindel einschüchtern lassen.“

An anderer Stelle heißt es, Österreich werde „sofort von allen Seiten angegriffen“ und eile deshalb seinem Untergang entgegen.

Was Historiker sagen

Michael Rowe forscht am King's College London zur europäischen Geschichte. Er nennt das Ergebnis „beeindruckend“. Man könne der Übersetzung gut trauen, weil Napoleons ursprünglicher Brief an Eugène erhalten ist und darin steht, was die chiffrierte Nachricht enthalten sollte. Rowe spricht von einer Art „Stein von Rosette“: Ein Werkzeug, das einen Text mit bekanntem Inhalt richtig entschlüsselt, verdiene mehr Vertrauen, wenn man es auf Unbekanntes anwendet. Daraus folgt aber auch: Inhaltlich bringt der Brief kaum Neues. Er wiederhole im Wesentlichen einen großen Teil der Vorlage, sagt Rowe. Die Schlagzeile „Was Napoleon verheimlichte“ verspricht also mehr, als der Fund hergibt.

Zack White von der University of Portsmouth moderiert den Napoleonic Wars Podcast. Er begrüßt den „produktiven“ Einsatz der KI und sieht trotzdem interessante Fragen. Napoleon hatte damals rund 60.000 Soldaten weniger zur Verfügung, als der Brief behauptet. Und er wirkt geradezu fixiert darauf, wie viele Truppen Österreich nach Italien schicken könnte. Historiker müssten das Ergebnis nun in den größeren Zusammenhang einordnen, sagt White. Spannend sei auch, ob der gewonnene Schlüssel für weitere Korrespondenz taugt.

Unabhängig bestätigt hat die Lösung der Patentingenieur und Kryptograf Satoshi Tomokiyo. Er betreibt die Website Cryptiana, die ungelöste historische Chiffren dokumentiert. Dort steht der Brief nun als „gelöst“.

Ein Außenseiter als Codeknacker

Church sagt selbst, er habe keine Erfahrung mit Kryptografie. Angeregt hat ihn ein ähnlicher Fall: Der Entwickler Carter Leffen hatte mit GPT-6 Astra eine bisher ungelöste Enigma-Nachricht der deutschen Wehrmacht von 1941 entschlüsselt, laut Incrypted in rund zehn Stunden.

Den Code selbst hält Church nicht für besonders schwer. „Kryptografen hätten ihn mit genug Zeit und Energie leicht knacken können“, sagte er Live Science. Dafür hätte es aber Fachleute aus mehreren Gebieten und viel Aufwand gebraucht. Das Schwierigste sei ohnehin nicht, Lösungen zu erzeugen, sondern sie zu überprüfen. Hier sei die Lösung mechanisch nachprüfbar: Ein falscher Schlüssel könne praktisch keinen zusammenhängenden, historisch stimmigen Text ergeben.

„Jedes Fachgebiet hat einen Rückstau an Nischenproblemen, für die Spezialisten keine Zeit haben. Die Leute, die diese Listen abarbeiten, werden zunehmend neugierige Außenseiter sein.“

Einordnung

Der Fall zeigt, was aktuelle Spitzenmodelle als Agenten leisten, also als Systeme, die eigenständig mehrere Schritte planen und ausführen. GPT-6 Astra hat eine unscharfe Vorlage abgeschrieben, selbstständig recherchiert, eine vergessene Quelle mit dem Problem verknüpft und dann ein klassisches Suchverfahren angewendet. Neu ist dabei nicht die Mathematik, denn simulierte Abkühlung wird seit Jahrzehnten gegen solche Codes eingesetzt. Neu ist, dass ein Laie die ganze Kette mit einer einzigen Anweisung anstoßen kann.

Wichtig zum Einordnen: Der Code galt als lösbar, und die menschliche Vorarbeit war entscheidend. Ohne Tants Teiltabelle wäre die Aufgabe deutlich schwerer gewesen. Dass sich das Ergebnis mit einem unverschlüsselten Napoleon-Brief abgleichen lässt, macht es zu einem guten Testfall, aber nicht zu einer historischen Enthüllung. Für Historiker könnte sich die Methode trotzdem lohnen, etwa bei chiffrierten Privatbriefen, schwer lesbarer Handschrift oder nur teilweise verstandenen Schriften. Die Kehrseite nennt The Telegraph: Forschende befürchten, dass dieselben Fähigkeiten genutzt werden könnten, um Menschen im Netz anhand ihres Schreibstils zu enttarnen.

Quellen

#gpt-6 astra#openai#kryptografie#geschichte#napoleon
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