Project NOMAD: Wikipedia, Karten und KI-Assistent für den Fall, dass das Internet weg ist
Project NOMAD ist ein kostenloser Open-Source-Server, der Wikipedia, Offline-Karten, Lernkurse und einen lokalen KI-Chatbot ganz ohne Internet auf eigener Hardware bereitstellt. Gedacht ist er für Katastrophenfälle, abgelegene Orte und alle, die ihre Suchanfragen nicht in die Cloud schicken wollen. Ein Praxistest zeigt, was schon gut funktioniert und wo es noch hakt.

Worum es geht
Für vieles braucht man eine Internetverbindung, auch fürs Nachschlagen bei Wikipedia oder einen Blick auf die Karte. Fällt das Netz aus, bei einem Unwetter, einem Stromausfall oder einfach weil man auf einer Berghütte oder einem Boot ist, geht das nicht mehr. Hier setzt Project NOMAD an. Der Name steht für „Node for Offline Media, Archives, and Data“. Es ist ein kostenloser, quelloffener Wissensserver, der auf eigener Hardware läuft und ausdrücklich ohne Internet funktioniert.
Entwickelt wird das Projekt von Chris Sherwood, Netzwerkexperte und Betreiber des YouTube-Kanals Crosstalk Solutions. Laut dev.ua hat er es zunächst aus Neugier begonnen, inzwischen ist eine Community daraus geworden. Sherwood begründet das Projekt in einem Video so:
„Wenn die Internetverbindung ausfällt, fällt alles aus. Ich wollte einen Weg finden, eine Kopie dieser Informationen lokal vorzuhalten.“
Der Code liegt auf GitHub unter Crosstalk-Solutions/project-nomad und steht laut heise unter der Apache-2.0-Lizenz. Die japanische Techseite Gigazine hat NOMAD jetzt ausführlich ausprobiert.
Was alles drinsteckt
NOMAD bündelt mehrere bewährte Open-Source-Projekte unter einer gemeinsamen Weboberfläche, dem „Command Center“. Man erreicht es im Browser unter http://localhost:8080.
- Information Library: Wikipedia und andere Nachschlagewerke offline, technisch über Kiwix. Das ist ein Programm, das ganze Websites in komprimierten Archivdateien (ZIM-Dateien) speichert und durchsuchbar macht. Laut Gigazine sieht ein Wikipedia-Artikel fast aus wie die normale Webseite, Suche und Links funktionieren. Im „Content Explorer“ wählt man Sprache und Umfang, zum Beispiel mit oder ohne Bilder. Dazu kommen laut dev.ua Project Gutenberg (frei verfügbare Bücher), medizinische Nachschlagewerke und Reparaturanleitungen. heise nennt als Beispiel iFixit-Inhalte über Kiwix.
- Offline Maps: Karten auf Basis von OpenStreetMap, regionsweise herunterladbar, laut dev.ua mit Navigation und Routenplanung.
- Education Platform: Integriert ist die Lernsoftware Kolibri mit Khan-Academy-Kursen, Lernvideos und interaktiven Lektionen. Sie deckt laut dev.ua und heise den kompletten US-Lehrplan von der Vorschule bis zur 12. Klasse ab (K-12).
- AI Assistant: Ein Chatbot, der lokal über Ollama oder LM Studio läuft. Das sind Programme, die Sprachmodelle direkt auf dem eigenen Rechner ausführen. Über eine „Knowledge Base“ lädt man eigene PDFs hoch, die der Assistent per RAG einbezieht. RAG (Retrieval-Augmented Generation) heißt: Die KI sucht vor der Antwort passende Textstellen aus den eigenen Dokumenten heraus und stützt sich darauf.
- Supply Depot: Hier installiert man Zusatz-Apps nach, etwa eine Sammlung von IT-Werkzeugen („IT Tools“) oder eine einfache Notiz-App. Außerdem gibt es eine Update-Verwaltung und eine Benchmark-Funktion.
Laut dev.ua umfasst das komplette Paket rund 250 GB. Zur Einordnung, aus einem Ratgeber von OFFGRID Survival: Die englische Wikipedia mit Bildern ist als Kiwix-Datei inzwischen rund 111 GB groß, ohne Bilder etwa 48 GB, die „Mini“-Version mit Einleitungen und Kernfakten rund 11 GB.
Der Praxistest: gemischte Ergebnisse
Gigazine hat NOMAD unter Windows 11 mit Nvidia-Grafikkarte installiert, und zwar in WSL2 (Windows Subsystem for Linux, eine Linux-Umgebung innerhalb von Windows) mit Ubuntu. Die Installation besteht im Kern aus dem Herunterladen eines Installationsskripts und seinem Start. Weil Docker Desktop unter Windows anders läuft als ein normaler Linux-Server, musste vorher eine Prüfzeile im Skript angepasst werden, wie es die offizielle Anleitung beschreibt. Docker ist eine Technik, die Programme in abgeschotteten „Containern“ verpackt. Danach starteten die Container automatisch.
Die Ergebnisse im Einzelnen:
| Funktion | Ergebnis im Gigazine-Test |
|---|---|
| Wikipedia offline | funktioniert, Suche und Links wie gewohnt |
| Offline-Karten | Japan-Daten (ca. 2,5 GB) heruntergeladen, Karte aber nicht angezeigt |
| Lernplattform | funktioniert, aber keine japanischen Inhalte |
| KI-Assistent mit RAG | fand den Testcode „BLUE-123“ aus einem hochgeladenen Dokument, allerdings erst nach mehreren Nachfragen |
| Benchmark | auch nach über 30 Minuten nicht fertig |
Für den Chatbot nutzte Gigazine ein unter Windows laufendes Ollama. Die Redaktion weist darauf hin, dass Genauigkeit und Zahl der nötigen Nachfragen stark vom gewählten Sprachmodell abhängen. Welches Modell zum Einsatz kam, nennt der Bericht nicht.
Ein Sicherheitshinweis aus dem Test: Die Verwaltungsoberfläche hat standardmäßig keine Anmeldung. Wer NOMAD betreibt, sollte es deshalb nur im eigenen lokalen Netz nutzen und nicht direkt ins Internet stellen.
Hardware und Installation
NOMAD läuft laut dev.ua auf jedem x86-Computer mit Linux, also auf normalen PCs mit Intel- oder AMD-Prozessor. Raspberry Pi und andere ARM-Geräte werden als Plattform nicht genannt. Sherwood empfiehlt drei Konfigurationen zwischen 150 und über 1000 US-Dollar. heise beschreibt den Ablauf so:
- Alten Büro-PC oder Laptop nehmen. Für die KI-Funktion sollten es mindestens 16 GB RAM sein.
- Ubuntu 26.04 LTS oder Debian 12 installieren.
- Zwei Befehle ausführen. Der Installer richtet Docker, Abhängigkeiten und Inhaltspakete selbst ein.
- Inhaltspakete wählen, etwa deutsche Wikipedia, OpenStreetMap Europa, Khan Academy, medizinische Referenzen.
- Optional eine Grafikkarte einbauen, damit die Sprachmodelle schneller antworten.
Nach Einschätzung von heise geht es für erste Experimente ab etwa 150 Euro los. Mit Grafikkarte und genug Arbeitsspeicher für KI-Modelle werde es schnell vierstellig. Auf einem öffentlichen Benchmark-Leaderboard vergleicht die Community ihre Systeme, vom sparsamen Mini-PC bis zum GPU-Server.
Mehr als ein Prepper-Spielzeug
Der Apokalypse-Aufhänger bringt Klicks, heise nennt aber auch nüchterne Einsatzgebiete: Schulbusse und fahrende Bibliotheken in ländlichen Regionen, Schiffe auf See oder Einsätze im Regenwald, wo Starlink fehlt oder zu teuer ist, abgeschirmte Industrieumgebungen wie Bergwerke oder Bohrinseln sowie Katastrophenhilfe, etwa beim THW oder bei Ärzte ohne Grenzen. Auch für den Datenschutz ist NOMAD interessant: Schulen oder Behörden können Wissen und einen KI-Assistenten anbieten, ohne dass eine einzige Anfrage das lokale Netz verlässt. Auf Maker-Events mit überlastetem WLAN liefert ein NOMAD-Server Dokumentation und sogar einen KI-Coding-Helfer.
heise sieht in dem Projekt außerdem ein gutes Lernprojekt: Wer es aufsetzt, lernt dabei Linux-Administration, Docker, Netzwerkgrundlagen, den Betrieb lokaler Sprachmodelle und die Planung von Speicherplatz.
Einordnung
Neu sind die einzelnen Bausteine von NOMAD nicht. Kiwix, Kolibri, OpenStreetMap und Ollama gibt es schon länger, und wer wollte, konnte sie auch bisher selbst kombinieren. Der Mehrwert liegt in der Bündelung: Ein Installer und eine Oberfläche ersparen viel Bastelarbeit. Dazu kommt ein lokaler KI-Assistent, der auch eigene Dokumente durchsuchen kann. Gerade diese Kombination aus Offline-Wissen und lokaler KI unterscheidet NOMAD von klassischen Offline-Bibliotheken.
Der Gigazine-Test zeigt aber, dass noch nicht alles rund läuft. Die Karten wurden nicht angezeigt, der Benchmark blieb hängen, und die Lerninhalte sind auf den US-Lehrplan zugeschnitten. Wie gut der Chatbot ist, hängt vollständig vom gewählten Modell und der verfügbaren Hardware ab. Ein Laptop ohne Grafikkarte liefert spürbar langsamere und schwächere Antworten als ein GPU-Rechner. Außerdem fehlt eine Anmeldung, weshalb man den Server nicht leichtfertig öffentlich zugänglich machen sollte. Für Bastler, Schulen in abgelegenen Regionen und datenschutzbewusste Nutzer lohnt sich das kostenlose Projekt trotzdem schon jetzt. Man sollte nur nicht erwarten, dass alles reibungslos funktioniert.
Videos zum Thema
Quellen
- Gigazine (JP) gigazine.net
- dev.ua dev.ua
- offgridsurvival.com offgridsurvival.com
- heise.de heise.de
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