Wahl gegen Rechenzentren: Was die neuen US-Gouverneure wirklich stoppen können
Nach den US-Zwischenwahlen heißt es, bis zu 63 Prozent der geplanten Rechenzentren lägen in Staaten mit Moratoriums-Versprechen. Wir haben die Zahlen nachgerechnet und die Befugnisse der Gouverneure geprüft. Unser Ergebnis: Das wird vor allem teurer und langsamer. Ein Baustopp für die KI-Pläne von OpenAI, Anthropic und Co. ist es nicht.

Darum geht es
Am 3. November haben die USA gewählt, und Rechenzentren waren eines der großen Themen. In Texas hat die Demokratin Gina Hinojosa den Amtsinhaber Greg Abbott geschlagen. In Georgia gewinnt Keisha Lance Bottoms, in Ohio Amy Acton. Alle drei sind gegen den ungebremsten Ausbau der riesigen KI-Rechenzentren angetreten. Seitdem kursieren dramatische Zahlen. Auf Reddit (r/singularity) heißt es, 63 Prozent aller geplanten oder im Bau befindlichen US-Rechenzentren lägen in Staaten, deren künftige Gouverneure ein Verbot oder eine Pause versprochen hätten. Das Analysehaus Cleanview kommt auf 41 Prozent.
Wir prüfen drei Fragen: - Welche Zahl hält? - Was kann ein Gouverneur rechtlich überhaupt tun? - Ist das ein echter Rückschlag für die Rechenpläne von OpenAI, Anthropic und Co. oder vor allem ein Preisaufschlag?
63, 41 oder 9 Prozent: Welche Zahl trägt
Die Zahlen gehen so weit auseinander, weil jede Quelle etwas anderes zählt:
| Quelle | Kennzahl | Was gezählt wird |
|---|---|---|
| Reddit (r/singularity) | 63 % | 11 Staaten mit „Moratoriums-Versprechen“, geplant und im Bau, nach Stromleistung (Daten: dcmap.us) |
| Eigene Nachrechnung (dcmap, Stand 5.11.) | ca. 56 % bzw. ca. 46 % | dieselben 11 Staaten; ohne Virginia und Washington |
| Cleanview | 41 % (158,6 GW) | 9 Staaten, deren Gouverneur eine Pause verspricht oder schon verhängt hat; nur Pipeline |
| Cleanview | weitere 18 % (69,2 GW) | Staaten, deren Sieger nur Steuervorteile oder Regeln ändern wollen |
| Wells Fargo | Texas 27 %, Georgia 7 %, Ohio 5 % | Anteil an geplanten US-Gigawatt |
| Jefferies | 13 GW | angekündigte Texas-Projekte, die „sofort gefährdet“ sind |
| William Blair (vor der Wahl) | 7–9 % | geplante KI-Kapazität in Staaten, die nach der Wahl ein Moratorium erlassen könnten; Texas nannte das Haus ausdrücklich die große Unbekannte |
Die Reddit-Zahl hat ein grundsätzliches Problem: Sie zählt Staaten mit, in denen 2026 gar kein Gouverneur gewählt wurde. In Virginia, dem zweitgrößten Markt, regiert seit 2025 Abigail Spanberger. Sie hat ein Moratorium ausdrücklich abgelehnt und setzt stattdessen auf ihr „Accountability Framework“ (Dekret Nr. 22) mit strengeren Genehmigungsregeln ab 25 MW. Auch Washington hatte keine Gouverneurswahl. Wir haben mit den aktuellen dcmap-Daten nachgerechnet. Die elf Reddit-Staaten kommen auf rund 193 von 346 GW, also etwa 56 Prozent. Ohne Virginia und Washington bleiben rund 160 GW oder etwa 46 Prozent. Das liegt nah bei Cleanview. Die 63 Prozent lassen sich mit den heutigen Daten nicht nachbilden. Möglicherweise hat sich die Datenbank seit dem Beitrag verändert.
Fast alle Rechnungen hängen an einem Staat. Von den 158,6 GW bei Cleanview liegen 88,4 GW in Texas, also gut 56 Prozent. Laut der Datenbank dcmap stehen in Texas 73,6 GW in Planung und 19,5 GW im Bau. Kein anderer Staat kommt in die Nähe.
Was ein Gouverneur kann und was nicht
Ein Gouverneur kann kein Rechenzentrum per Federstrich verbieten. Er hat aber vier Hebel:
- Behörden anweisen: Abbott selbst hat im August neue Netzanschlüsse für Großverbraucher ab 75 MW gestoppt. Im September wies er die Umweltbehörde TCEQ an, keine Genehmigungen mehr für Rechenzentren zu erteilen, bis der Netzbetreiber ERCOT seine Anschluss-Warteschlange geprüft hat. Diese Prüfung soll bis Dezember laufen. Die frühere Netzaufseherin Beth Garza bezweifelt, dass sich so etwas ohne Gesetz durchsetzen lässt. Der Energieanalyst David Blackmon nennt die Befugnisse des Gouverneurs „ziemlich begrenzt“.
- Regulierer besetzen: In Texas ernennt der Gouverneur die Mitglieder der Energieaufsicht PUCT, aber nur nach und nach. Jefferies sieht hier ihren größten Einfluss.
- Steuervorteile: Die Befreiung von der Umsatzsteuer hat Texas im vergangenen Jahr laut Bisnow über eine Milliarde Dollar gekostet, Ohio 2025 rund 1,6 Milliarden. Um sie abzuschaffen, braucht es ein Gesetz.
- Gesetze unterschreiben oder blockieren: Das texanische Parlament tritt am 12. Januar zusammen, Hinojosa wird am 19. Januar vereidigt.
Und genau im Parlament wird es eng. In Texas halten die Republikaner laut Cleanview den Senat mit 19 zu 12 Sitzen. Im Repräsentantenhaus deuten die vorläufigen Ergebnisse auf eine knappe demokratische Mehrheit hin, endgültig ist das noch nicht. In Ohio behalten die Republikaner beide Kammern. Acton hat offen gelassen, ob sie ihr „bedingtes Moratorium“ per Dekret durchsetzen würde. Bisher hat sie das Parlament dazu aufgefordert. Danach gilt die Pause nur so lange, bis Betreiber ihre Stromkosten voll tragen, Gewerkschaftskräfte beschäftigen, Umweltauflagen erfüllen und auf Industriebrachen statt auf Ackerland bauen.
Am meisten verschiebt sich in Georgia. Dort haben die Demokraten erstmals seit rund 30 Jahren eine 3:2-Mehrheit in der Public Service Commission gewonnen. Das ist die gewählte Behörde, die Strompreise und Kraftwerkspläne des Monopolversorgers Georgia Power genehmigt. Kommissar Peter Hubbard will, dass Rechenzentren ihre Netzinfrastruktur voll selbst bezahlen. Seine Kollegin Sheila Edwards will Steuergutschriften zurückholen. Die Aktivistin Patty Durand sagt über Hubbards bisher abgelehnte Anträge:
„Die werden jetzt durchkommen.“
In New Mexico hat Deb Haaland für ihren ersten Amtstag ein Dekret angekündigt, das neue Großprojekte pausiert. In New York gilt seit Juli ohnehin ein einjähriger Genehmigungsstopp von Gouverneurin Hochul für Anlagen ab 50 MW.
Warum das, was schon gebaut wird, weitgehend sicher ist
Nach Cleanview sind die 56,7 GW, die landesweit im Bau sind, „weniger exponiert“. Praktisch alle Pausen-Versprechen richten sich gegen neue Projekte. Auch frühere Gesetzentwürfe in Georgia und Maryland nahmen bestehende Verträge und genehmigte Projekte ausdrücklich aus. William Blair verweist auf den Gebäudetechnik-Dienstleister Comfort Systems: Er sieht in den vier Staaten mit bestehendem Moratorium keine Verschiebungen bei Zeitplänen oder Auftragsbestand. Da die Gebäudetechnik meist erst rund drei Jahre nach der Genehmigung beginnt, treffen Moratorien vor allem Anlagen, die 2029 und 2030 ans Netz gehen sollen.
Unsere Einschätzung: Projekte wie OpenAIs Stargate-Campus in Abilene oder Anthropics Mietverträge mit dem Bitcoin-Miner Riot sind kurzfristig kaum gefährdet. Riot baut für Anthropic in Rockdale 191 MW und laut Quartalsbericht in Corsicana weitere 910 MW aus. Diese Flächen sind schon erschlossen oder ans Netz angeschlossen. Anthropic nennt Moratorien in seinem Börsenprospekt trotzdem ausdrücklich als Risiko, weil sie Anlagen verzögern oder verhindern könnten, „von denen wir für Rechenleistung abhängen“. Offen ist die Lage bei den späteren Ausbaustufen. Dazu gehören OpenAIs 8-GW-Campus PORTS-Pike in Ohio, Project Jupiter in New Mexico, dessen Luftreinhaltegenehmigung für das Gaskraftwerk noch aussteht, und der 3,2-GW-Campus „Camellia“ in Georgia. Diesen hat das Effingham County bis zum 17. November vertagt.
Rückschlag oder Preisaufschlag?
Vieles, was die Wahlsieger fordern, zahlen die großen Labore schon heute. Für Camellia übernimmt OpenAI nach der Genehmigung vom August die vollen Infrastrukturkosten und sagt bis zu 1 GW flexible Last zu: In Spitzenzeiten fährt das Rechenzentrum dann herunter. Bei PORTS-Pike zahlt der SoftBank-Ableger SB Energy Netzausbau und Leitungen und baut rund 9,2 GW eigene Gaskraftwerke. Das ist „eigenen Strom mitbringen“ in Reinform. Das texanische Gesetz SB 6 von 2025 verlangt bereits, dass Rechenzentren Netzausbau bezahlen und sich im Notfall abschalten lassen.
Was es teurer macht: - Eigene Gasturbinen werden laut Wood Mackenzie bis Ende 2027 um 195 Prozent teurer als 2019, auf rund 600 Dollar pro Kilowatt. Allein die Turbinen für 1 GW kosten damit grob 600 Millionen Dollar. - Wenn Gewerkschaftspflicht und Umweltauflagen kommen, steigen die Baukosten. - Fallen die Steuervorteile in Texas und Ohio weg, kostet das zusammen rund 2,6 Milliarden Dollar im Jahr.
Unsere grobe Rechnung: Bei Investitionen von bis zu 828 Milliarden Dollar, die Big Tech laut Dan Ives (Yorkville Ives) 2026 ausgibt, sind das etwa 0,3 Prozent. Der größere Kostenfaktor ist die Zeit. Laut Northmarq legen Kreditgeber künftig noch mehr Wert auf „Sicherheit und Umsetzung“. Projekte ohne gesicherten Strom und Genehmigungen kommen also schwerer an Geld.
Die Börse sieht es ähnlich. Am 4. November fielen CoreWeave und Iren um etwa 4 Prozent, CoreWeave über Nacht sogar um 7 Prozent. SpaceX verlor um 4 bis 6 Prozent. Microsoft stieg dagegen um 5,5 Prozent, Amazon um 7, Alphabet um 3 Prozent. Unsere Lesart: Anleger bestrafen die spezialisierten Vermieter von Rechenleistung, deren Wachstum an Texas hängt. Iren hat nach eigenen Angaben 49 Prozent seiner angekündigten Kapazität dort. Bei den Hyperscalern, also den großen Cloud-Konzernen, sehen sie eher eine willkommene Bremse für ausufernde Investitionen.
Wohin die Rechenleistung ausweicht
Laut William Blair haben Hyperscaler klargemacht, dass Projekte in andere Staaten wandern, wenn einer blockiert. Cleanview nennt Utah und West Virginia, beide republikanisch regiert und 2026 ohne Gouverneurswahl. Laut dcmap sind dort bereits 19,1 bzw. 13,4 GW geplant. Wyoming wirbt per Dekret um Rechenzentren. Im nordostdakotanischen Harwood – korrekt: in Harwood, North Dakota – fiel die einzige der 41 lokalen Abstimmungen zugunsten der Branche aus.
Im Ausland lockt vor allem der Golf. Stargate UAE soll 1 GW haben, die ersten 200 MW sind für Ende 2026 angekündigt. Saudi-Arabiens Humain plant bis 2036 6,6 GW. Laut einer Brookings-Analyse, die das Arab Gulf States Institute zitiert, könnte ein „bedeutender Teil“ künftiger KI-Kapazität ins Ausland wandern. Die Iran-Angriffe auf Infrastruktur am Golf zeigen allerdings, wie verwundbar diese Standorte sind. Senator Chuck Schumer warnt, die Chip-Deals mit dem Golf würden den US-Ausbau „kannibalisieren“. Elon Musk kommentierte die Wahl mit dem Satz:
„Rechenzentren im All sehen gerade ziemlich attraktiv aus.“
Für Europa gibt es dazu bisher keine belastbaren Analysen. Unsere Einschätzung: Strompreise, Netzanschlüsse und Genehmigungen sind hier eher noch knapper als in Utah oder Wyoming. Die Wahl in den USA dürfte deshalb kaum große Rechenzentren nach Europa bringen.
Einordnung
Die Wähler haben deutlich gesprochen. In einer CNBC-Umfrage nannten 56 Prozent Rechenzentren einen entscheidenden oder wichtigen Faktor für ihre Wahl, und 40 von 41 lokalen Abstimmungen gingen gegen die Anlagen aus. Die dramatischen Prozentzahlen messen aber nur, wo Projekte geplant sind. Sie sagen nicht, was am Ende wirklich gestoppt wird.
Unsere Einschätzung: Für OpenAI, Anthropic und die Hyperscaler ist die Wahl vor allem ein Preis- und Zeitaufschlag, kein Baustopp. Was schon gebaut wird, läuft weiter. Neue Projekte müssen eigenen Strom mitbringen, Netzkosten selbst tragen und verlieren Steuervorteile. Wirklich verwundbar sind die Projekte, die erst ab 2028 Strom brauchen und noch keine Genehmigung haben. Dazu kommen Vermieter von Rechenleistung, die stark auf Texas gesetzt haben.
Vier Fragen sind noch offen: - Wie weit geht Hinojosa, wenn das Parlament nicht mitzieht? - Was bringt die ERCOT-Prüfung im Dezember? - Wie hart greift die neue Mehrheit in Georgias Aufsichtsbehörde bei Georgia Power durch? - Hält das Stimmungsbild bis zur Präsidentschaftswahl 2028?
Klarer wird das Bild erst, wenn die Parlamente im Januar zusammentreten.
Quellen
- Cleanview: Newly elected governors could pause … newsletter.cleanview.co
- Fortune: Democrat wins will slow data center construction fortune.com
- CNBC: AI data center stocks decline after Texas governor result cnbc.com
- CNBC: Voters rebuff data centers in every ballot measure except one cnbc.com
- CNBC: Abbott pauses data center permits cnbc.com
- Data Center Watch: Data center restrictions take center stage datacenterwatch.substack.com
- dcmap.us: Rechenzentren nach Bundesstaat dcmap.us
- Reddit r/singularity: 63% of planned/under construction data centers … reddit.com
- KSAT: What happens to Texas data centers now? ksat.com
- Bisnow: 13 GW at immediate risk in Texas bisnow.com
- Unite.AI: Data center policy fears hit AI stocks unite.ai
- Inside Climate News: Democrats win control of Georgia's energy regulator insideclimatenews.org
- Signal Ohio: Amy Acton would put conditions on new Ohio data centers signalohio.org
- HPPR: Why is Abbott pausing permits? hppr.org
- William Blair: What to expect as data centers head to the ballot box williamblair.com
- Baxtel: OpenAI secures approval for 3.2 GW power deal in Georgia baxtel.com
- AGSI: The U.S. data center struggle and the Gulf offer agsi.org
- Anthropic Form S-1 (SEC) sec.gov
- Scientific American: Election results show widespread opposition to AI data centers scientificamerican.com
- Broadband Breakfast: Spanberger reins in data center boom without a moratorium broadbandbreakfast.com
- E&E News: Gas turbine costs to spike 195% eenews.net
- CBS News: Data center and gas plants for former Ohio uranium site cbsnews.com
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