0,5 Prozent in drei Jahren: Der KI-Boom zeigt sich bisher vor allem bei den Verkäufern

Laut Bank of England hat KI die britische Produktivität seit 2024 nur um etwa 0,5 Prozent erhöht. Das Wachstum entsteht vor allem dort, wo KI gebaut und verkauft wird. Wir legen diese Zahl neben Umfragen, Branchendaten und Laborstudien und erklären, warum Stellenabbau noch kein Beweis für Produktivität ist und warum die Börsen beim Thema Rechenzentren so empfindlich reagieren.

Analysen 6. Nov. 2026 9 Min. Lesezeit Eigene Analyse der Redaktion
Symbolbild, KI-generiert

Darum geht es

Am 5. November hat die Bank of England (BoE) ihren Monetary Policy Report veröffentlicht, den regelmäßigen Bericht, mit dem die britische Notenbank ihre Zinsentscheidungen begründet. Darin steht eine Zahl, die zur Stimmung dieser Woche passt: Nach Angaben der Unternehmen hat KI deren Produktivität seit Anfang 2024 um rund 0,5 Prozent gesteigert. Aufs Jahr gerechnet sind das 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte zusätzliches Produktivitätswachstum. Die BoE schreibt selbst, es gebe „nur Belege für einen bescheidenen KI-getriebenen Anstieg“.

Unsere These: Bei einzelnen Aufgaben spart KI nachweislich viel Zeit. In den Volkswirtschaften kommt bisher aber vor allem das Geld an, das in KI investiert wird. Daraus folgen zwei Dinge. Erstens hängt das Wachstum an den Investitionen, deshalb reagieren die Börsen so nervös auf jedes Signal, dass weniger Rechenzentren gebaut werden könnten. Zweitens belegt Stellenabbau in KI-Namen noch keine höhere Produktivität.

Was die Bank of England genau gemessen hat

Die 0,5 Prozent stammen aus dem Decision Maker Panel (DMP), einer regelmäßigen Umfrage der BoE unter Finanzchefs britischer Firmen. Die Zahl ist also eine Selbsteinschätzung der Unternehmen und keine Messung aus der amtlichen Statistik. Laut den Berichten von The Register und The Telegraph steht im Bericht außerdem:

  • KI-bezogene Aktivität erklärt knapp ein Fünftel des britischen BIP-Wachstums seit Anfang 2026. Die BoE führt das vor allem auf die „vorgelagerte Entwicklung und Einführung von KI-Technologien“ zurück und nicht auf Firmen, die durch den Einsatz von KI produktiver werden. Gemeint sind Programmierung, IT-Beratung und Informationsdienste, zu denen auch Rechenzentrumsleistungen gehören.
  • In KI-nahen Branchen wie Information und Kommunikation ist das Produktivitätswachstum gestiegen, liegt aber noch unter dem Durchschnitt vor der Pandemie.
  • Auf die Beschäftigung hat KI bisher „praktisch keinen Gesamteffekt“. Einige Arbeitgeber stellen wegen KI aber weniger neu ein oder besetzen frei werdende Stellen nicht nach.
  • Für die nächsten drei Jahre erwarten die Firmen rund 0,9 Prozentpunkte zusätzliches Produktivitätswachstum pro Jahr. Etwa die Hälfte soll aus mehr Output kommen, die andere Hälfte aus weniger Beschäftigung.

Im Bericht selbst haben wir die KI-Passagen nur teilweise nachlesen können. Bestätigt ist dort unter anderem, dass die Nachfrage nach KI-Produkten wie Speicherchips die Exportpreise in Asien und damit Großbritanniens Importpreise nach oben treibt. Die Detailzahlen zu KI stehen laut Sekundärberichten in den Kästen C und D.

Die BoE warnt außerdem, nicht den gesamten jüngsten Produktivitätsanstieg der KI zuzuschreiben. Ein Teil entsteht schlicht dadurch, dass Firmen weniger einstellen, Personalentscheidungen aus der Pandemiezeit rückgängig machen und auf höhere Lohnnebenkosten reagieren. Die Beratungsfirma RSM UK hat das im September beziffert: Seit 2024 wuchs der Output um etwa 2,8 Prozent, die Beschäftigung nur um etwa 0,5 Prozent. RSM hält die Belege für einen KI-Boom für „dünn“. Der Aufschwung verteile sich auf fast alle Branchen, und Finanzen, Beratung und Verwaltung, wo KI zuerst wirken müsste, hätten langsamer zugelegt als Gastgewerbe und Verkehr.

Die Branchendaten: Gewinner sind die IT-Dienstleister

Genauer ist eine Analyse von BoE-Ökonomin Sandra Batten, die am 6. August im Blog Bank Underground erschienen ist. Sie vergleicht den Beitrag einzelner Branchen zum Wachstum der Stundenproduktivität zwischen 2010–2019 und 2023–2025:

Branche Beitrag 2010–2019 Beitrag 2023–2025
Programmierung, IT-Beratung (SIC 62) 0,01 Prozentpunkte 0,10 Prozentpunkte
Informationsdienste (SIC 63) negativ +0,06 Prozentpunkte
Finanz- und Versicherungswesen – negativ, obwohl starker KI-Nutzer

Unter den Branchen, die KI nur nutzen, schneiden Bürodienste und Unternehmensservices am besten ab, also typische Automatisierungsfälle wie Terminplanung und Rechnungsbearbeitung. Auch die Industrie trägt positiv bei. Batten ordnet das in ein bekanntes Muster ein: Bei der Elektrifizierung und beim Computer wurden zuerst die Hersteller der neuen Technik produktiver und erst Jahre später die Anwender. Großbritannien sei „offenbar in Phase eins“.

Die Belege sind ausdrücklich schwach. Der Zusammenhang zwischen KI-Nutzung und Produktivität erklärt nur etwa ein Zehntel der Unterschiede zwischen den Branchen (R² = 0,10), und er ist nach üblichem Maßstab nicht statistisch signifikant (p = 0,065). Batten spricht von Korrelation, nicht von Kausalität. Für den negativen Wert im Finanzsektor nennt sie Messprobleme oder gegenläufige Effekte als mögliche Ursachen. In einem zweiten BoE-Beitrag desselben Monats sanken die Stellenausschreibungen in den am stärksten KI-exponierten Berufen um 15 Prozent in drei Jahren, im Kundenservice und in der Verwaltung um mehr als 20 Prozent.

Andere harte Zahlen: überall dasselbe Muster

Wir haben die BoE-Zahl neben andere Messungen gelegt:

Messung Grundlage Ergebnis
CEPR/NBER „Firm Data on AI“ (März 2026) knapp 6.000 Führungskräfte in USA, UK, Deutschland, Australien 89 % sehen bisher keinen Produktivitätseffekt; bisheriger Effekt ca. 0,29 %; erwartet: +1,4 % Produktivität und −0,7 % Beschäftigung in drei Jahren (USA: +2,3 %)
Atlanta Fed, Working Paper 2026-04 knapp 750 US-Manager gefühlte Gewinne größer als gemessene; die Autoren vermuten, dass sich höhere Umsätze erst verzögert zeigen
Goldman Sachs (Sept. 2026) US-Volkswirtschaft Nettobeitrag von KI zum gemessenen BIP-Wachstum ca. 0,1 Prozentpunkte
IW-Gutachten (vor der Bundestagswahl 2025) Prognose Deutschland 0,9 % Produktivitätswachstum pro Jahr 2025–2030, 1,2 % 2030–2040, nach 0,4 % in den 2020ern; kein „Produktivitätswunder“
ifo-Umfrage (Oktober 2024) rund 6.000 deutsche Firmen erwartet: 7,5–15,5 % mehr Produktivität im eigenen Betrieb in fünf Jahren; damals nutzten 27 % KI
Acemoglu, „Simple Macroeconomics of AI“ Modellrechnung USA höchstens 0,66 % mehr totale Faktorproduktivität (wie effizient eine Wirtschaft Arbeit und Kapital einsetzt) in zehn Jahren

Auffällig ist, dass die Firmen sowohl in der BoE-Umfrage als auch in der Vier-Länder-Studie für die nächsten drei Jahre ungefähr fünfmal so viel erwarten, wie sie bisher erreicht haben. In Großbritannien sind es 0,9 statt etwa 0,17 Prozentpunkte pro Jahr, in der CEPR-Studie 1,4 statt 0,29 Prozent. Unsere Einschätzung: Das muss nicht falsch sein, so verlief auch die J-Kurve früherer Technologien, die BoE-Chef Andrew Bailey für KI erwartet. Es sind aber Erwartungen und keine Ergebnisse. Die ifo-Werte von 2024 sind noch optimistischer, wurden aber anders gefragt (fünf Jahre, eigener Betrieb) und lassen sich nur grob vergleichen. In der amtlichen deutschen Statistik ist von einem Schub nichts zu sehen: Laut Statista auf Basis amtlicher Daten stieg die Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigenstunde 2025 um etwa 0,4 Prozent.

Warum große Zeitgewinne bei Aufgaben im Gesamtbild schrumpfen

Auf Aufgabenebene sind die Effekte groß und gut belegt. In der bekanntesten Feldstudie von Brynjolfsson, Li und Raymond mit 5.179 Kundenservice-Mitarbeitern lösten Beschäftigte mit KI-Assistent im Schnitt 14 Prozent mehr Anfragen pro Stunde, Neulinge sogar 34 Prozent mehr. Der International AI Safety Report 2026 fasst die Forschung so zusammen: 20 bis 60 Prozent Zuwachs in kontrollierten Studien und 15 bis 30 Prozent in den meisten Experimenten unter realen Arbeitsbedingungen, mit Ausreißern in beide Richtungen.

Ein Rechenbeispiel zeigt, warum davon wenig übrig bleibt. Laut der Vier-Länder-Studie nutzen US-Beschäftigte KI im Schnitt etwa 1,8 Stunden pro Woche, bei 40 Wochenstunden sind das rund 4,5 Prozent der Arbeitszeit. Wird diese Zeit um 15 bis 30 Prozent produktiver, ergibt sich rechnerisch nur ein einmaliges Plus von etwa 0,7 bis 1,4 Prozent. Hinzu kommt, dass gesparte Zeit nicht automatisch zu mehr Output wird. Eine HBR-Studie, die Fortune zitiert, fand, dass Beschäftigte die freie Zeit oft mit zusätzlicher Arbeit füllten. Ein solches Ergebnis wäre in der Statistik kaum von Rauschen zu unterscheiden. Die BoE-Größenordnung ist deshalb plausibel und kein Widerspruch zu den Laborstudien.

Das Geld kommt an – und macht die Börsen anfällig

Gut messbar ist bisher die Investitionsseite. In den USA wuchs das BIP im dritten Quartal laut BEA hochgerechnet aufs Jahr um 3,4 Prozent. Allein die Ausgaben für Informationstechnik, vor allem Computer und Server, trugen 0,86 Prozentpunkte bei. Weil ein großer Teil dieser Hardware aus Taiwan und Südkorea importiert wird, zieht der Import einen erheblichen Teil davon wieder ab. Goldman Sachs kommt deshalb netto nur auf etwa 0,1 Prozentpunkte. Die Goldman-Ökonomen schrieben laut Fortune: „Wir überschreiten gerade den Höhepunkt des Impulses aus dem KI-Boom.“

Wenn das Wachstum mehr vom Bauen als vom Nutzen kommt, ist es verwundbar. Das erklärt den Ausverkauf dieser Woche: Als Anleger nach den US-Zwischenwahlen fürchteten, ein demokratisch kontrollierter Kongress könnte den Bau von Rechenzentren bremsen, fiel der Nasdaq an einem Tag um 5,5 Prozent und der Halbleiterindex SOX um 12,2 Prozent. Unsere Einschätzung: Fällt die Investitionswelle weg, bevor die Produktivitätsgewinne der Anwender da sind, entsteht eine Lücke. Genau diese Gefahr preisen die Märkte gerade ein.

Stellenabbau ist noch kein Produktivitätsbeweis

Produktivität bedeutet Output pro Arbeitsstunde. Weniger Personal steigert sie nur, wenn der Output gleich bleibt oder wächst, und das zeigt sich erst später in den Zahlen. Zwei Fälle dieser Woche:

  • Berenberg streicht laut Private Banking Magazin und Bloomberg rund 30 Stellen in den Research- und Supportteams in London. Laut Geschäftsbericht 2025 hatte die Research-Abteilung 107 Analysten. Seit Februar setzt die Bank Googles Gemini Enterprise ein und gibt an, einzelne Abläufe würden „um bis zu 90 Prozent“ beschleunigt. Das ist eine Herstellerangabe zu einzelnen Abläufen und keine Messung für die ganze Bank. Außerdem baut Berenberg seit Dezember 2025 mehrfach um, und die Finanzaufsicht BaFin hat im Juni den Vorstand abberufen. Der Abbau hat also mehrere mögliche Gründe.
  • Microsoft bietet laut GeekWire und IBTimes rund 60.000 Beschäftigten, etwa 27 Prozent der Belegschaft, eine freiwillige Abfindung an. Microsoft selbst rechnet damit, dass weniger als 5 Prozent annehmen, also weniger als 3.000 Menschen. Das Unternehmen sagt, das Angebot bedeute nicht, dass es weniger Personal brauche, und spricht nicht von Produktivitätsgewinnen. Gleichzeitig investierte es im letzten Quartal 45,2 Milliarden Dollar, vor allem in Rechenzentren. Hier folgt eher die Kostenseite den KI-Investitionen, als dass KI messbar Arbeit ersetzt.

Einordnung

Die 0,5 Prozent der Bank of England sind kein Urteil gegen KI. Sie zeigen, wo die Technik heute in der Volkswirtschaft sichtbar wird: bei denen, die sie bauen, betreiben und verkaufen. Belegt ist, dass KI einzelne Aufgaben deutlich beschleunigt und dass KI-Investitionen das BIP stützen, in Großbritannien zu knapp einem Fünftel des Wachstums in diesem Jahr. Nur behauptet oder erwartet ist bisher der breite Produktivitätsschub bei den Anwendern. Die Firmen kündigen ihn in allen Umfragen für die nächsten drei Jahre an, in ungefähr fünffacher Höhe des bisher Erreichten.

Unsere Einschätzung: Historisch spricht einiges dafür, dass die Anwender später nachziehen. Das Muster von Batten und die J-Kurve, mit der Bailey rechnet, sind keine Ausreden. Wer aber heute Stellenabbau oder Börsenwerte als Beweis für höhere Produktivität anführt, verwechselt Erwartung mit Ergebnis. Entscheidend für die nächsten ein bis zwei Jahre ist, ob die Produktivität in Branchen wie Finanzen, Verwaltung und Beratung anzieht, bevor die Investitionswelle abebbt. Bis dahin hängt der KI-Boom statistisch an Baustellen und Serverimporten und damit an politischen Entscheidungen wie denen dieser Woche.

Quellen

#produktivität#bank of england#ki-investitionen#arbeitsmarkt#rechenzentren#konjunktur

Frag den KI-Assistenten

Fragen zu diesem Artikel, zur Installation oder zu Hintergründen? Unser Assistent kennt diese Seite und läuft auf unserem eigenen Rechner, nicht in einer fremden Cloud.

Verbinde …

Der Assistent ist eine KI (Gemma 4) und kann sich irren – wichtige Angaben bitte in der Quelle prüfen. Fragen werden nur zum Beantworten genutzt und nach einer Stunde gelöscht. Bitte keine persönlichen Daten eingeben.

Kommentare

Was meinst du dazu? Schon ausprobiert? Schreib es hier, ohne Anmeldung.

  1. Kommentare werden geladen …

Kommentare sind öffentlich. Links sind nicht erlaubt, beleidigende Beiträge löschen wir. Deinen eigenen Kommentar kannst du in diesem Browser jederzeit wieder löschen. Mehr dazu in der Datenschutzerklärung.