Artcraft: Per KI programmierte Gratis-Klone von Photoshop, Lightroom & Co.
Ein Entwickler hat mit Claude Opus 5.5 und Rust Open-Source-Nachbauten von Adobe-Programmen wie Photoshop, Lightroom und Premiere veröffentlicht. Tests zeigen: überraschend brauchbar, aber noch Alpha. Dazu kommen offene Rechtsfragen.

Worum es geht
Unter dem Namen Artcraft hat der Atlanta-Entwickler Brandon Thomas (Hacker-News-Name „Echelon“) kostenlose Open-Source-Nachbauten bekannter Adobe-Programme auf GitHub veröffentlicht. Laut Gizmodo entstanden sie mit Claude Opus 5.5 und der Programmiersprache Rust. Dazu gehören PhotoCraft (Photoshop), LightCraft (Lightroom), FilmCraft (Premiere Pro), VectorCraft (Illustrator), PDFCraft (Acrobat), EffectCraft (After Effects) und Designcraft (InDesign). AppleInsider nennt außerdem Klone von Microsoft Office und anderen Programmen: WordCraft, DeckCraft (PowerPoint), GridCraft (Excel), CADCraft (AutoCAD) und SoundCraft (Pro Tools). Der Begriff „Vibe Coding“ bedeutet, dass man Software weitgehend per Anweisungen an eine KI schreiben lässt, statt jede Zeile selbst zu tippen.
Was die Tester sagen
XDA Developers testete unter Linux. PhotoCraft hielt besser mit, als der Autor erwartet hatte: Objektauswahl, Textebenen, Ebeneneffekte, Schnittmasken, Tabs und Zuschneiden funktionierten gut. Die Auswahl ist weniger genau als in Photoshop und zeigt beim Verfeinern nicht in Echtzeit an, laut Autor aber mindestens auf Augenhöhe mit Affinity. Es fehlen KI-Funktionen wie das Generieren von Hintergründen.
LightCraft bietet einen Ordner-Browser und Stapelbearbeitung wie Lightroom. Die automatische Anpassung übertreibt Kontrast und macht Schatten zu dunkel. Ein KI-Entrauschen fehlt zwar, man kann aber ein eigenes Modell laden, etwa das von Darktable genutzte RawNIND. Die Qualität bleibt deutlich unter Lightroom. Automatische Objektivkorrekturen fehlten im Test.
FilmCraft wirkt unfertig: Im Kontextmenü fehlt „Löschen“, die Ripple-Löschung funktionierte teils nicht, es gibt weniger Übergänge und eingeschränkte Audiofunktionen. Die automatische Lautstärkeanpassung stürzte beim ersten Versuch ab.
Gizmodo fand PhotoCraft wie „glitchy, aber echtes Photoshop“, die Befehle seien dort, wo man sie erwartet. Die Funktion „Frei transformieren“ war unberechenbar. Der Autor empfand es als frischer als Photopea und GIMP.
AppleInsider beschreibt die Oberfläche als „Uncanny Valley für Benutzeroberflächen“: Werkzeugleiste, Icons und Ebenenpanel seien Photoshop sehr ähnlich. Beim Test sah man keinen verdächtigen Netzwerkverkehr zu fremden Servern. Es gibt keine KI-Vorschlagsleiste.
Hintergrund und Motivation
Laut Plagiarism Today ist der Auslöser, dass Adobe Thomas eine Kündigungsgebühr für sein Abo berechnete. Er verkündete auf Hacker News „Software is over“ und behauptete, Photoshop „in einem Commit“ nachgebaut zu haben. Auf Reddit nennt er sich einen „15-jährigen Branchenveteranen“. Gizmodo nennt als Kontext die Debatte um die „SaaSpocalypse“, also die Idee, Nutzer würden Software statt per Abo künftig selbst von KI schreiben lassen, und erwähnt Adobes 150-Millionen-Dollar-Vergleich nach einer US-Klage wegen Abo-Praktiken. Thomas lädt Entwickler zur Mitarbeit ein und will Bug-Bounties zahlen.
Rechtliche Fragen
Plagiarism Today sieht beim Urheberrecht gute Chancen für Artcraft: Geschützt sei Code, nicht Funktionalität, und Rust-Code teile vermutlich nichts mit Adobes C++-Code. Verwiesen wird auf das Urteil Google gegen Oracle. AppleInsider zieht den Vergleich zu den „Clean-Room“-Nachbauten des IBM-BIOS. Ob das hier stimmt, ist nicht belegt, wie die Entwicklung genau ablief, ist nicht vollständig offengelegt.
Problematischer könnten laut Plagiarism Today Nutzungsbedingungen (Verbot, Ein- und Ausgaben zu studieren, um das System nachzubauen), Patente und Markenrecht (1:1-Klone könnten Verwechslung erzeugen) sein. Praktisch könnte schon die Drohung einer Klage einen Einzelentwickler zum Aufgeben bringen. Auch die Oberflächenkopie ist laut AppleInsider ein Streitpunkt. Zudem sei die Open-Source-Lizenz womöglich bedeutungslos, da KI-generierter Code ohne menschlichen Autor vermutlich nicht urheberrechtlich geschützt ist.
Einordnung
Artcraft zeigt, wie schnell eine KI ein ernstzunehmend wirkendes Programm erzeugen kann. Für den Alltag ist es aber noch nicht reif: Alpha-Status, Bugs, fehlende Funktionen und ungewisse Zukunft. Für Linux-Nutzer ist es interessant, da Adobe und Affinity dort fehlen. XDA rät, es zum Ausprobieren zu nutzen, aber nicht vorschnell umzusteigen. Wer ausprobiert, sollte laut Gizmodo vorsichtig mit unbekannter Software sein. Plagiarism Today sieht Artcraft in den „zweiten 90 Prozent“ der Entwicklung, die über Erfolg oder Fußnote entscheiden.
Videos zum Thema
Quellen
- Bing News (en-GB) xda-developers.com
- appleinsider.com appleinsider.com
- gizmodo.com gizmodo.com
- plagiarismtoday.com plagiarismtoday.com
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