Chinas KI-Serienfabrik: 222.000 neue Titel, kaum Gewinner – außer den Plattformen

In China ist KI-Video bereits Massenware: Allein auf Douyin kamen im ersten Halbjahr 221.900 neue KI-Kurzserien heraus, doch nur jede 77. erreicht die Abrufzahl, ab der sie sich rechnen soll. Während Studios Personal abbauen, bauen ByteDance und Alibaba komplette KI-Produktionsstraßen. Wir zeigen anhand der Zahlen, wer an dem Boom verdient.

Analysen 5. Nov. 2026 9 Min. Lesezeit Eigene Analyse der Redaktion
Symbolbild, KI-generiert

Darum geht es

Die erste echte Massenanwendung von KI-Video findet nicht in Hollywood statt, sondern in Chinas Kurzdrama-Apps. Dort laufen hochkant gedrehte Serien mit Folgen von ein bis zwei Minuten, meist mit Geschichten über Wiedergeburt, Rache oder Aufstieg. Zu sehen sind sie vor allem auf Douyin (der chinesischen TikTok-Schwester), in ByteDances kostenloser Kurzdrama-App Hongguo und in Tencents Mini-Programm „Lüpaopao“ in WeChat. Innerhalb eines Jahres hat KI hier die Produktion fast vollständig übernommen.

Unsere These: Wenn Videoproduktion fast nichts mehr kostet, verdienen nicht die Studios, sondern die Plattformen. Ihnen gehören die Werkzeuge, die Reichweite und die Abrechnung. Das lässt sich mit Zahlen gut belegen, aber nicht in jedem Punkt so glatt, wie es die Schlagzeilen nahelegen.

Die Kostenkurve: von 5.000 Yuan pro Minute auf ein paar Hundert

Laut einem Bericht von CCTV Finance vom 6. September fiel der Preis für eine standardisierte Minute KI-Kurzdrama binnen eines halben Jahres von rund 5.000 Yuan auf wenige Hundert Yuan. Das ist ein Minus von über 90 % und liegt nahe an den reinen Kosten. Aufwendige Einzelanfertigungen kosten weiterhin 10.000 bis 20.000 Yuan pro Minute. Die Wertpapierfirma Zhongtai Securities schätzt, dass KI-Kurzdramen nur noch 2 bis 10 % einer klassischen Produktion kosten. Teams schrumpften demnach von etwa 15 auf drei bis fünf Leute.

Laut der Titelgeschichte von Caixin brauchte eine Realdrehproduktion 2025 noch fast 40 Leute am Set und ein Budget von 300.000 bis 400.000 Yuan. Ein Produzent in Hangzhou macht heute alle drei bis sieben Tage ein 100-Minuten-KI-Drama für weniger als 20.000 Yuan. Über 95 % dieser Kosten entfallen laut einem Regisseur auf die Videogenerierung. Der Motor dahinter sind Videomodelle wie ByteDances Seedance 2.0 (seit Februar), Kuaishous Kling und Alibabas Modelle.

Die Flut: 221.900 Titel, 1.055 Treffer

Was billige Produktion bewirkt, zeigt der Halbjahresbericht des Analysehauses DataEye:

Kennzahl (Douyin, 1. Halbjahr 2026) Wert
Neue KI-Serien und KI-Comic-Serien 221.900
Über 100 Mio. Abrufe 1.055 (0,48 %)
Über 50 Mio. Abrufe (DataEyes Kostendeckungsmarke) 2.886 (rund 1,3 %)
Abrufe aller neuen Titel zusammen ca. 515,7 Mrd.
Marktgröße Januar–Mai (KI-Serien und -Comics, ganz China) ca. 22 Mrd. Yuan

Für ganz China meldete die Rundfunkbehörde NRTA nach Angaben von Startup Fortune und BigGo Finance 430.000 Mikrodramen in den ersten acht Monaten. Das sind 13-mal so viele wie im gesamten Vorjahr, über 90 % davon KI-generiert.

Aus der 1,3-%-Quote stammt die viel zitierte Zahl „98,7 % ohne Gewinn“, also einer von 77 Titeln. Wichtig: Das ist keine Gewinn- und Verlustrechnung. DataEye nimmt eine Abrufzahl als Ersatzgröße für die Kostendeckung. Der Wert beruht auf einer Stichprobe und unterschätzt die Lage laut DataEye eher, weil Titel oft auf mehreren Plattformen laufen. Es gibt aber auch einen Widerspruch: Laut 21st Century Business Herald setzt DataEye-Forschungsdirektor Liu Zun die Kostendeckung auf Douyin bei rund 100 Millionen Abrufen an. Dann läge die Quote nicht bei 1 zu 77, sondern bei etwa 1 zu 210.

Wo das Geld hängen bleibt

Bei den Erlösen ist die Datenlage unübersichtlich. Die Zahlen zeigen alle nach unten, passen aber nicht zueinander:

Quelle Erlös früher → heute
21st Century Business Herald (ohne Quellenangabe) pro 1.000 Abrufe ca. 60 → 15–30 Yuan
BigGo Finance pro 10.000 Abrufe 30–100 → 5–10 Yuan
Produzenten gegenüber Lanjing Tech (21. Oktober) pro 10.000 Abrufe heute 1–2 Yuan

Zwischen diesen Angaben liegt rechnerisch bis zum Faktor 300. Vermutlich vergleichen sie verschiedene Dinge, etwa den Bruttoerlös mit dem Anteil, der beim Produzenten ankommt, oder werbefinanzierte mit kostenpflichtigen Titeln. Unsere Beispielrechnung mit dem niedrigsten Wert: Bei 1 bis 2 Yuan pro 10.000 Abrufe bringen 100 Millionen Abrufe 10.000 bis 20.000 Yuan ein. Das deckt gerade die Produktion eines Billig-Dramas. Nur 0,48 % der Titel kommen überhaupt so weit.

Der größte Kostenblock ist nicht die Produktion, sondern gekaufte Reichweite, auf Chinesisch „Toulliu“: Werbung in den Feeds, damit die Serie überhaupt gesehen wird. Laut Daten des Verlags Zhangyue entfallen darauf 70 % der Kosten der gesamten Wertschöpfungskette. BigGo spricht von 70 bis 90 % der Einnahmen aus Bezahl-Serien. Ein Hit mit über 100 Millionen Yuan an Nutzerzahlungen kann 60 bis 80 Millionen Yuan an Werbekosten mit sich bringen. Erfahrene Teams kommen auf einen Werbe-ROI von 1,03 bis 1,07: Aus jedem eingesetzten Yuan werden also 1,03 bis 1,07 Yuan. Diese Werbung wird größtenteils bei ByteDances Werbevermarkter Ocean Engine gebucht. Im März lagen die täglichen Werbeausgaben für KI-Kurzdramen auf Douyin laut einer von yage.ai zitierten Quelle bei über 70 Millionen Yuan.

Caixin beschreibt bei ByteDance einen geschlossenen Kreislauf: Videomodell (Seedance), Cloud (Volcano Engine, laut IDC 2025 mit 49,5 % Marktanteil bei Modellaufrufen von Firmenkunden), Vertrieb (Hongguo, Douyin) und Werbung (Ocean Engine). Hongguo war laut Caixin bereits 2025 profitabel. Laut QuestMobile hatte die App im September 430 Millionen Nutzer im Monat und lag damit vor dem eigenen Chatbot Doubao mit 419 Millionen. Für Studios sinken die Produktionspreise, für die Plattform nicht unbedingt: Laut 21st Century Business Herald stieg der Preis für einen 10-Sekunden-Clip bei Jimeng binnen drei Monaten von 0,6 auf 6,67 Yuan, mit Wartezeiten von bis zu zehn Stunden zu Spitzenzeiten. Wie die Plattform woshipm.com nüchtern anmerkt, kassieren die Cloud-Anbieter für jede Modellabfrage, auch wenn das Projekt kein Geld einbringt.

Die Plattformen haben zugleich die Spielregeln verschärft. Hongguo strich ab Februar vielen mittleren Studios die garantierten Abnahmepreise. Im Mai beschränkte die App die Garantien für neue KI-Drehbücher auf ausgewählte Projekte. Am 21. Oktober kündigte sie an, ihr Münzsystem (Belohnungen fürs Zuschauen) bis Jahresende abzuschalten. Fudan-Professor Deng Jianguo sagt laut Jiemian, den Produzenten fehle jede Preis- und Verhandlungsmacht. Die Abnahmeregeln änderten sich „fast jeden Monat“.

Die Verlierer: Zhoutu, Soy Sauce und ein Kinofilm

Zhoutu Culture aus Zhengzhou war einer der größten Produzenten von Realdreh-Kurzdramen. Laut Sixth Tone fiel die Produktion von bis zu 200 Serien im Monat auf rund 30, die Belegschaft von über 500 auf etwa 200. Im Juli verkaufte die Firma drei Luxusautos, die als Requisiten dienten, für zusammen 4,5 Millionen Yuan. Ein 50-köpfiges KI-Studio produziert nun sechs bis acht KI-Serien im Monat, um „präsent zu bleiben“. Gründer Wang Huan beschreibt die Grenze der Technik so:

„Die Stärke der KI ist es, zwei Unsterbliche am Himmel streiten zu lassen – nicht Menschen, die sich vor einem Dorfhaus streiten.“

Bei Soy Sauce Culture schrumpfte die Belegschaft laut 36Kr von rund 1.500 auf einige Hundert. Die Zahl aktiver Auftragsstudios für KI-Comic-Serien fiel laut Startup Fortune von 1.216 im ersten auf 698 im zweiten Quartal, ein Minus von 43 %.

Noch sichtbarer ist der Kino-Flop „Sanxingdui: Future Past“ von Bona Film. Der erste vollständig KI-generierte Film mit chinesischer Kinozulassung entstand mit ByteDances Jimeng-Werkzeugen. Laut Bona arbeiteten fast 100 Menschen über zwei Jahre daran, das Budget lag bei über 10 Millionen Yuan. Zum Start am 23. Oktober waren über 10.000 Vorstellungen angesetzt. Nach Daten der Kinoplattform Lighthouse spielte der Film in neun Tagen rund 1,53 Millionen Yuan ein, im Schnitt kamen 1,1 Zuschauer pro Vorstellung. Die Prognose für die gesamte Laufzeit liegt bei etwa 3,07 Millionen Yuan. Weil Produzenten in China nur etwa ein Drittel der Kasse erhalten, bleiben rund 1 Million Yuan, ein Zehntel der Kosten. Stanley Rosen von der University of Southern California sagte Fortune, der Verlust werde andere vorsichtiger machen.

Die Plattformen bauen die Fabrikstraße

Trotzdem rüsten die Konzerne auf. ByteDance startete am 26. Oktober das Jimeng-Kurzdrama-Studio. Laut TechNode und woshipm.com verbindet es drei Eigenmodelle: DreamScript für Drehbücher, auch Adaptionen und Fassungen fürs Ausland, Anycook für Bildmaterial und DreamShot für Storyboards. Gerendert wird mit Seedance. Ein KI-Agent – ein Programm, das mehrere Arbeitsschritte selbstständig erledigt – zerlegt das Drehbuch in Figuren, Szenen und Einstellungen. Dazu kommen eine 3D-Regiebühne und eine Vorschau ganzer Szenen. In einem Test von woshipm.com fielen holprige Übergänge und ein Anschlussfehler auf: eine Narbe am Arm, die dort nicht hingehörte.

Alibaba testet laut 36Kr (4. November) intern Looogen. Die Desktop-App für Windows und macOS steuert per Chat den ganzen Ablauf von Drehbuch bis Schnitt und bietet eine Bibliothek digitaler Darsteller. Bemerkenswert: In der Testversion soll auch ByteDances Seedance 2.0 eingebunden sein. Offiziell bestätigt hat Alibaba das nicht. Kuaishou hat den Drama-Agenten LIKLI auf Basis von Kling, Tencent die Plattform DramaBuddy.

Der Staat greift ebenfalls ein. Die NRTA teilt KI-Mikrodramen seit dem 1. Juli in drei Stufen ein: „Schwerpunkt“ ab 800.000 Yuan Budget oder bei Themen wie Politik und Militär, „Normal“ von 300.000 bis 800.000 Yuan und „Sonstige“ unter 300.000 Yuan. Die allermeisten KI-Serien fallen in die unterste Stufe. Dass diese nur von den Plattformen selbst geprüft wird, steht so nur in einem Zhihu-Beitrag, nicht in der offiziellen Mitteilung. Douyin hat nach eigenen Angaben über 70.000 regelwidrige KI-Serien entfernt.

Was das für den Westen heißt

Für den Westen gibt es keine belastbaren Umsatzdaten speziell zu KI-Kurzdramen. Gesamtzahlen zeigen dasselbe Muster: hohe Umsätze, dünne Margen. ReelShort-Mutter Crazy Maple setzte 2025 laut BigGo 5,72 Milliarden Yuan um und machte trotzdem Verlust. Bei DramaBox liegt die Nettomarge im Kurzdrama-Geschäft unter 1 %. Fox hat sich am ukrainischen Anbieter Holywater beteiligt, der mit My Muse KI-Serien produziert.

Die westliche Werkzeugwelle kommt gerade erst an. Mago Studio und IV Studio auf Basis von ComfyUI und dem offenen Videomodell MiniMax H3 zielen ausdrücklich auf Serien und Mikrodramen. In China wurde H3 zum Shopping-Festival „Double 11“ auf der Plattform LibTV kostenlos angeboten. Für Nutzer in der EU schließt die H3-Lizenz laut Kingy.ai den Einsatz ohne Sondergenehmigung aus.

Einordnung

Belegt ist: Die Produktionskosten sind eingebrochen, das Angebot ist explodiert, und die Treffer sind extrem selten. Ebenso belegt ist, dass die größten Kostenblöcke, nämlich gekaufte Reichweite und Rechenleistung, an die Plattformen fließen, die zugleich die Abrechnung festlegen. Die Zahl „98,7 % ohne Gewinn“ ist dagegen eine Hochrechnung aus Abrufzahlen und keine gemessene Bilanz. Auch die Erlösangaben pro Abruf weichen stark voneinander ab.

Unsere Einschätzung: Die These „Die Plattformen verdienen“ trägt, aber nicht ohne Einschränkung. Auch ByteDance zahlt Lehrgeld: Laut Caixin wurden die Anreize 2025 als zu breit gestreut bewertet. Im Mai sagte ByteDance 1,5 Milliarden Yuan für Realdreh-Serien zu, weil die umsatzstärksten Titel weiterhin echte Darsteller haben. Ganz ohne Gewinner unter den Studios geht es auch nicht: Die Hongguo-Serie „Chixie Ru Song“ soll mit 6,6 Milliarden Abrufen ihre Investition von 1 Million Yuan wieder eingespielt haben.

Für westliche Kreative mit ComfyUI und H3 heißt die Lehre aus China: Günstig produzieren zu können, ist bald kein Vorteil mehr. Wer verdient, entscheidet sich bei Reichweite und Geschichten, und Reichweite verkaufen die Plattformen.

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