Token als Ware: Apple rationiert, Alibaba verramscht sie im Livestream für 1 Fen
In derselben Woche senkt Apple das tägliche KI-Budget seiner Ingenieure von 300 auf 200 Dollar, und in China verkauft Alibaba im Livestream von Li Jiaqi rund 100.000 KI-Monatskarten für je einen Fen. Wir haben nachgerechnet, was eine Million Token im Firmenbudget, im Abo und als Rabattware zum Singles' Day kostet. Dabei zeigt sich: Der Preis hängt weniger an der Rechenleistung als an Subventionen, Strategie und gefräßigen Agenten.

Darum geht es
Zwei Meldungen aus derselben Woche. Am 4. November berichtet Bloomberg, dass Apple das tägliche KI-Budget einiger Ingenieure von 300 auf 200 Dollar gekürzt hat. Zwei Tage zuvor sitzt in China Alibaba-Vizepräsident Chen Yusen, Chef von Qwen Office (千问办公), im Shopping-Livestream von Li Jiaqi, dem bekanntesten Verkaufsmoderator des Landes. Er verkauft dort Monatskarten für KI-Büroarbeit für einen Fen, also 0,01 Yuan. In einem Fall werden Token, die Rechen- und Abrechnungseinheiten von Sprachmodellen, zugeteilt. Im anderen Fall werden sie wie Lippenstift verramscht.
Unsere These: Token werden zum Konsumgut. Ihr Preis hängt dabei weniger an den tatsächlichen Rechenkosten als an Subventionen, an Lock-in-Strategien (also dem Versuch, Kunden an das eigene Ökosystem zu binden) und an Agenten, die bei einer Aufgabe kein Ende finden.
Silicon Valley: Erst Token-Wettbewerb, jetzt Zuteilung
Bei Apple ist es eine Kehrtwende. Laut Startup Fortune hatte Bloomberg noch vor einigen Monaten berichtet, dass Teams mit Budgets von bis zu 300 Dollar pro Tag ihre Personalanfragen häufiger abgelehnt bekamen, wenn sie dieses Budget deutlich unterschritten. Jetzt gilt ein Deckel. Für einige Ingenieursteams sind 100 Dollar im Gespräch, außerhalb der Technik gelten vielfach schon 100 Dollar, für manche Teams sind 25 Dollar denkbar. Wer mehr braucht, kann eine Ausnahme beantragen. Laut The Decoder können die Mitarbeiter Claude, ChatGPT und Gemini nutzen, einige Teams sollen auf günstigere oder auf dem Gerät laufende Modelle umsteigen. Laut Bloomberg haben aber ohnehin nur wenige Mitarbeiter die 300 Dollar ausgeschöpft. Die tatsächliche Ersparnis dürfte also kleiner sein, als die Schlagzeile vermuten lässt.
Apple ist damit kein Einzelfall. Seit Juni nennt die Branche das „Tokenminimizing“, als Gegenstück zum vorherigen „Tokenmaxxing“, bei dem möglichst hoher Verbrauch als Zeichen von Fortschritt galt:
| Unternehmen | Budget pro Kopf | Quelle |
|---|---|---|
| Apple (Ingenieure) | 300 → 200 $ pro Tag, geplant teils 100 $ | Bloomberg |
| Microsoft Cloud & AI | ca. 100.000 → ca. 10.000 $ pro Monat (Obergrenze) | The Information, laut Folgeberichten |
| Uber | 1.500 $ pro Monat und Tool | TNW, SemiAnalysis |
| Tesla | 200 $ pro Woche, xAI-Betaprodukte ausgenommen | The Information, laut Electrek u. a. |
| Atlassian | 500–2.000 $ pro Monat | TNW |
| Firmen bei SemiAnalysis | 250 $ (Rüstungskonzern) bis ca. 2.000 $ (Workday, Stripe) | SemiAnalysis |
Zum Vergleich hier Apples neue Grenze, auf einen Monat umgerechnet: Bei 21 Arbeitstagen ergeben 200 Dollar täglich rund 4.200 Dollar. Das ist fast das Dreifache von Ubers Grenze pro Tool. Mit Claude Opus 5.5 (20 Dollar pro Million Ausgabe-Token) reichen 200 Dollar für etwa 10 Millionen Ausgabe-Token pro Tag. Anthropic selbst gibt laut SemiAnalysis an, dass ein Entwickler im Schnitt 150 bis 250 Dollar im Monat für Claude Code ausgibt.
Uber hatte laut TNW sein komplettes KI-Coding-Budget für 2026 schon im April aufgebraucht. Bei Meta zeigte ein internes Ranking namens „Claudeonomics“ rund 73,7 Billionen Token in 30 Tagen. Die oft genannten 221 Millionen Dollar sind allerdings eine Hochrechnung mit Listenpreisen und keine bestätigte Rechnung.
China: Token im Einkaufswagen
In China läuft gleichzeitig das Gegenteil. Laut 新京报 waren die ersten 50.000 Qwen-Office-Karten nach zehn Minuten weg, nach einer halben Stunde waren es fast 100.000. Die Zahl von „rund 2 Billionen Token“ stammt laut Sina Finance aus Verkaufsdaten des Qwen-Office-Teams selbst und ist nicht unabhängig geprüft. Ins Regal gelegt wurden insgesamt 20 Billionen. Was in der Karte steckt, wird in Punkten angegeben, nicht in Token. Laut The Paper sind es 500 Punkte, eine Karte pro Person, einlösbar bis 30. Dezember. Andere Berichte nennen zusätzlich Bonus- und Neukundenpunkte. Im Livestream hieß es, 500 Punkte reichten etwa für 50 Präsentationen oder 160 Word-Dokumente. Welche Modelle dahinterstehen, nennt keiner der Berichte.
Dahinter steckt eine Infrastruktur. Tmall hat am 3. September ein Token-Aufladezentrum („AI空间站“) gestartet, mit Alibaba Cloud, Zhipu, Kimi, MiniMax und DeepSeek. Am ersten Verkaufstag des Doppel-11 (20. Oktober) stieg der Umsatz der Kategorie laut Tmall um 450 Prozent. Auf welchen Vergleichszeitraum sich das bezieht, geben die Berichte unterschiedlich an, absolute Zahlen gibt es nicht. JD verschenkte laut 每日经济新闻 am 2. November Token-Pakete für 0,01 Yuan, eine Milliarde Token in der ersten Stunde. ByteDance verkauft seit dem 26. Oktober täglich im Douyin-Livestream Abos für Doubao Work. China Telecom testet laut 21财经 seit Mai Token-Pakete ab 9,9 Yuan im Monat, also so, wie man früher Datenvolumen kaufte.
Abseits des Livestreams sieht es nüchterner aus. Laut 21财经 hat Zhipus Tmall-Shop nur einige hundert Pakete verkauft, und der Rabatt betrug 3 Yuan (118 statt 115 Yuan). Die meisten Anbieter verkaufen zum Listenpreis. Chen Yusen vergleicht Token mit Benzin:
„So wie unser Auto Benzin braucht und unsere Haushaltsgeräte Strom, ist der Treibstoff für KI-Arbeit der Token.“
Nachgerechnet: Was kostet eine Million Token?
Mit 2 Billionen Token auf knapp 100.000 Karten kommen wir auf mindestens 20 Millionen Token pro Karte. Daraus ergibt sich folgende Gegenüberstellung (Yuan grob mit 7 je Dollar umgerechnet):
| Angebot | Preis pro 1 Mio. Token (Eingabe/Ausgabe) |
|---|---|
| Qwen-Office-Karte im Livestream (gerechnet) | ca. 0,0005 Yuan (< 0,0001 $) |
| Qwen-Office-Karte, Normalpreis 28 Yuan (gerechnet) | ca. 1,4 Yuan (ca. 0,20 $) |
| Ling 3.0 Tiny (Ant Group) auf OpenRouter | 0,015 / 0,045 $ |
| qwen-flash, Alibaba Cloud Bailian (Listenpreis) | 0,15 / 1,5 Yuan (ca. 0,02 / 0,21 $) |
| qwen3.7-max, Bailian (Listenpreis) | 12 / 36 Yuan (ca. 1,70 / 5,10 $) |
| Gemini 4 Argon bis 30.11. / ab 1.12. | 2 / 10 $ → 4 / 20 $ |
| Claude Sonnet 5.5 / Opus 5.5 / Fable 5.1 | 2/10 $ · 4/20 $ · 10/50 $ |
| Weltweiter Durchschnitt nach Nutzung (Silicon Data, Sept.) | 0,97 $ |
Selbst zum Normalpreis liegt die Qwen-Karte damit unter dem Eingabepreis des eigenen Spitzenmodells. Im Livestream ist sie gut 200-mal billiger als Ling 3.0 Tiny, das günstigste API-Angebot in unserer Liste. Mit Rechenkosten hat dieser Preis nichts mehr zu tun. Zwei Einschränkungen gelten trotzdem: Die 20 Millionen sind ein Kontingent, kein Verbrauch, und niemand weiß, welches Modell die Token verarbeitet. Bei kleinen Modellen ist ein Token weniger wert als bei großen. Ein Internetbeobachter weist laut The Paper darauf hin, dass derselbe Text je nach Modell 20 bis 50 Prozent mehr oder weniger Token verbraucht.
Abos: Flatrate mit Kleingedrucktem
Dazwischen liegen die Abos. Auch sie verpacken Token so, dass man den Stückpreis nicht sieht. Anthropic hat Ende Oktober „Max 20x“ in „Ultra“ umbenannt. Der Faktor 20 galt nur für das 5-Stunden-Limit, das Wochenlimit lag beim Zehnfachen von Pro. Verifizierte Ultra-Kunden verlieren das 5-Stunden-Limit, mehr Kontingent pro Woche bekommen sie aber nicht. Laut Preisseite enthalten Max (100 Dollar) und Ultra (200 Dollar) inzwischen zusätzlich 100 bzw. 200 Dollar API-Guthaben. OpenAI legt im Dezember die Kontingente von ChatGPT und Codex für Plus, Pro und Business zu einem gemeinsamen, in Token gemessenen Topf zusammen. Wie groß der ist, steht nicht auf der Hilfeseite. Google nimmt Gemini 4 Argon in die App-Abos auf (AI Pro für 19,99 Dollar), das Abo enthält aber keine API-Token.
Unsere Einschätzung: Ob 500 Punkte bei Qwen, „10x Pro“ bei Anthropic oder ein unbezifferter Topf bei OpenAI – alle Anbieter messen intern in Token und verkaufen nach außen Pakete. So wird Datenvolumen im Mobilfunk verkauft, nicht Strom.
Warum billige Token teure Rechnungen machen
Das Paradox: Pro Token wird es billiger, die Rechnung wird trotzdem höher. Agenten-Werkzeuge haben laut TNW die KI-Rechnungen von Unternehmen verdreifacht, obwohl die Preise pro Token stark gefallen sind. Gartner schätzt laut The Paper, dass ein Reasoning-Agent pro Aufgabe das 5- bis 30-Fache eines Chatbots verbraucht. Wie viel ein Modell redet, spielt dabei mit: Ling 3.0 Tiny erzeugte im Testlauf von Artificial Analysis rund 210 Millionen Ausgabe-Token, der Median liegt bei 63 Millionen. Gemini 4 Argon braucht laut Artificial Analysis rund 62.000 Ausgabe-Token pro Aufgabe, GPT-6 Astra 27.000. Ab Dezember kostet eine Argon-Aufgabe deshalb 3,98 Dollar statt 3,26 Dollar bei Astra.
Für China beschreibt das CAICT dasselbe Muster. Der Tagesverbrauch lag im Juni bei rund 500 Billionen Token, fast viermal so viel wie im Dezember 2025. Der normalisierte Listenpreis inländischer Modelle stieg zugleich von 6,8 auf 13,46 Yuan (die Einheit wird in den Berichten uneinheitlich angegeben). Der Livestream mit seinen 2 Billionen Token entspricht damit etwa 0,4 Prozent eines einzigen chinesischen Verbrauchstags.
Und die Agenten erreichen die Kunden noch kaum. Uber meldete am 4. November, dass in der Halloween-Woche bei rund 320 Millionen Fahrten und Bestellungen genau vier Fahrten über KI-Agenten gebucht wurden.
Einordnung
Beide Welten verfolgen dasselbe Ziel: Kontrolle über den Token-Fluss. Im Silicon Valley wird dabei auf das eigene Angebot gelenkt. Tesla nimmt die Beta-Produkte von xAI vom Deckel aus, Microsoft drängt laut Berichten zu Copilot, Meta zu seinem eigenen Werkzeug MetaCode. In China kauft man Gewohnheiten ein: 70 Laptop-Modelle sollen Qwen Office vorinstalliert haben, und Alibaba bündelt seine Token-Geschäfte seit März in einem eigenen Bereich. Investor Zhou Zhifeng stellt die entscheidende Frage, nämlich ob Kunden wegen Subventionen bleiben oder weil das Produkt unersetzbar ist. Wie viele der 100.000 Käufer später verlängern, weiß noch niemand. Laut einem in The Paper zitierten Bericht liegt die Jahresabo-Bindung bei KI-Apps bei 21,1 Prozent und damit knapp 10 Punkte unter anderen Apps.
Unsere Einschätzung: Ein Preis von einem Fen sagt nichts über die Kosten von KI. Er ist Marketing, so wie Apples 300 Dollar Signalpolitik waren. Die ehrliche Größe ist der Preis pro erledigter Aufgabe, und den veröffentlicht bisher kaum ein Anbieter. Fraglich ist auch der Verbraucherschutz: Viele Token-Produkte schließen laut Sina Finance die 7-Tage-Rückgabe aus, und Zhipus Privat-Abos sind laut einem Ratgeber bei 什么值得买 grundsätzlich nicht erstattbar. Wer Token hortet wie Klopapier, kann am Ende auf verfallenen Kontingenten sitzen.
Quellen
- Sina Finance: 李佳琦的购物车,装下了AI的“下半场” finance.sina.com.cn
- Tencent News: Li Jiaqi verkauft Token news.qq.com
- Sohu / 新京报: Token im Livestream sohu.com
- The Paper: 1分钱卖Token,阿里图什么? thepaper.cn
- The Paper: 从囤纸巾到囤Token thepaper.cn
- 京报网: 20万亿Token im Livestream news.bjd.com.cn
- Sina Finance: Quelle der 2-Billionen-Zahl cj.sina.com.cn
- 人人都是产品经理: Token als neuer Spieler im Doppel-11 woshipm.com
- 投资界 / 21财经: 天猫能在双11把Token卖成大众消费品吗? news.pedaily.cn
- 21财经: 天猫能在双11把Token卖成大众消费品吗? m.21jingji.com
- NetEase / 每日经济新闻: Doppel-11 KI-Dienste 163.com
- 什么值得买: GLM-Token im Doppel-11 post.smzdm.com
- The Paper: Rechnung steigt, nicht der Stückpreis (CAICT) thepaper.cn
- Tencent News: Inlandspreis verdoppelt, globaler Preis unter 1 Dollar news.qq.com
- Alibaba Cloud Model Studio: Modellpreise help.aliyun.com
- Startup Fortune: Apple cuts AI token budgets startupfortune.com
- The Decoder: Apple kürzt interne KI-Budgets the-decoder.de
- AI Times: Apple kürzt KI-Budget aitimes.com
- Implicator: Apple Cuts Some Engineers' AI Budgets implicator.ai
- TNW: Tokenminimizing thenextweb.com
- TNW: Atlassian AI wallets thenextweb.com
- SemiAnalysis: TokenBudgeting newsletter.semianalysis.com
- Tech Startups: Microsoft cuts AI budgets techstartups.com
- Electrek: Tesla caps employee AI spending electrek.co
- Unite.AI: Uber AI agents booked four rides unite.ai
- lmspedia: Gemini 4 Argon Pricing lmspedia.org
- Claude Pricing claude.com
- max.nardit.com: ChatGPT and Codex shared usage limits max.nardit.com
- OpenRouter: Ling 3.0 Tiny openrouter.ai
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