cinecode: Claude Code dreht Kurzfilme ganz ohne Video-KI, nur mit Programmcode

Mit dem kostenlosen Open-Source-Skill cinecode schreibt Claude ein Programm, das jedes Bild eines Videos zeichnet, statt das Video selbst zu „erfinden“. Am Ende steht eine fertige MP4-Datei mit Ton, Schnitt und Lizenznachweis. Weil derselbe Code immer exakt dasselbe Video ergibt, lässt sich jedes Detail gezielt korrigieren.

Tools 7. Nov. 2026 9 Min. Lesezeit Quelle: Bing News (en-US)
Symbolbild, KI-generiert

Worum es geht

Anfang November 2026 hat der türkische Entwickler Sarp Yildiz (auf X als @sarpstar unterwegs) ein Werkzeug namens cinecode veröffentlicht. Es ist ein sogenannter Skill für Claude Code, Anthropics Programm, mit dem die KI Claude direkt auf deinem Rechner arbeiten kann: Dateien anlegen, Programme starten, Ergebnisse prüfen. Ein Skill ist dabei eine Sammlung aus Anleitungen und Werkzeugen, die der KI beibringt, wie eine bestimmte Aufgabe gemacht wird. Man kann es sich vorstellen wie eine Rezeptsammlung samt Spezialbesteck, die man einem guten Koch in die Hand drückt. cinecode funktioniert außerdem im KI-Code-Editor Cursor.

Yildiz verspricht, dass man damit Kurzfilme, YouTube-Videos und Instagram-Reels machen kann, ohne ein einziges generatives Video-Modell zu benutzen. Dahinter steckt eine einfache Idee: Die KI malt das Video nicht selbst, sondern schreibt ein Programm, das es zeichnet. Drehbuch, Szenen, Ton und Schnitt sind am Ende Code, und heraus kommt eine fertige MP4-Datei. cinecode steht unter der MIT-Lizenz. Jeder darf es also kostenlos nutzen, verändern und auch kommerziell einsetzen. Der Code liegt auf GitHub, die Anleitung gibt es unter anderem auf Englisch und Japanisch. Dieser Artikel stützt sich auf eine ausführliche Analyse auf der Blogplattform note.com, die die Versprechen des Entwicklers mit der offiziellen Dokumentation abgleicht.

So funktioniert die Technik

Der Ablauf hat drei Schritte:

  1. Claude schreibt ein Programm, das das Video Bild für Bild zeichnet.
  2. Das Programm läuft in einem Headless-Browser, also einem Google Chrome, der unsichtbar im Hintergrund arbeitet. Dort wird es abgespielt und Bild für Bild als Einzelbild aufgezeichnet.
  3. Das Standardwerkzeug ffmpeg setzt die Einzelbilder und den ebenfalls per Programm erzeugten Ton zu einer MP4-Datei zusammen.

Laut offizieller Beschreibung wird jedes Bild des fertigen Videos im Browser aus Code gezeichnet. Für 3D-Szenen nutzt cinecode three.js, eine verbreitete Programmbibliothek für 3D-Grafik im Web.

Der entscheidende Unterschied zu Video-KIs wie den bekannten Text-zu-Video-Modellen: Solche Modelle liefern bei derselben Anweisung oft jedes Mal ein anderes Ergebnis. Man würfelt also so lange neu, bis es passt. In chinesischsprachigen Beiträgen über cinecode wurde das mit einem Gacha-Spiel verglichen, also einem Glücksspiel-Mechanismus aus Handyspielen, bei dem man nie weiß, was man bekommt. cinecode dagegen beschreibt ein Video wie eine mathematische Formel: Man gibt einen Zeitpunkt ein und bekommt genau das Bild für diesen Moment. Dieselbe Formel liefert bei jedem Durchlauf exakt dasselbe Video. Fachleute nennen das deterministisch.

In der Praxis hat das klare Vorteile:

  • Wer „nur den Text bei Sekunde 3 größer“ haben will, ändert genau diese Stelle im Code.
  • Alles andere bleibt unverändert. Dass eine Korrektur an anderer Stelle etwas kaputtmacht, passiert seltener.
  • Alte Code-Stände lassen sich aufheben und jederzeit wiederherstellen.

Der Autor der Analyse vergleicht das so: Eine Video-KI ist wie ein Porträt, das jedes Mal neu von Hand gezeichnet wird. cinecode ist eher ein Modellbausatz nach Bauplan. Ändert man eine Zeile im Plan, wird nur dieses eine Teil neu gebaut.

Bedienung: Fragen beantworten statt programmieren

Yildiz sagt, die Bedienung fühle sich an „wie das Beantworten lustiger Multiple-Choice-Fragen“. Laut Handbuch gibt es fünf Stufen:

  1. Idee nennen: Ein Satz reicht. Wer schon ein ausführliches Konzept hat, landet direkt in der Produktion.
  2. Rückfragen beantworten: Es geht um Deutung des Themas, Bildstil (3D, handgezeichnet, Papier-Look und andere), Länge und Seitenverhältnis, Stimmung sowie Ton und Musik. Für jede Frage markiert die KI ihre Empfehlung mit einem Stern (★).
  3. Plan absegnen: Es gibt einen Ablaufplan, was in welcher Sekunde passiert, und „Regie-Notizen“ zu Kameraführung und Farbgebung. Beides lässt sich Zeile für Zeile ändern. Danach zeigt die KI zwei Szenen als Standbilder, damit man die Stimmung prüfen kann, bevor das ganze Video entsteht.
  4. Prototyp ansehen: Zuerst entsteht eine Version in niedriger Auflösung, die die KI automatisch auf Qualität prüft. Zusätzlich schaut sich eine zweite KI, die den Entstehungsprozess nicht kennt, das Werk wie ein Erstzuschauer an und bewertet es. Korrekturen werden nur an den genannten Stellen eingearbeitet.
  5. Endversion erhalten: Export in voller Qualität, mit angepasster Lautstärke.

Dazu gibt es zwei Arbeitsweisen. Der Quick Mode packt alles in eine Datei und ist für Videos unter etwa drei Minuten gedacht, etwa Social-Media-Clips oder Werbung. Er hat ungefähr drei Bestätigungsschritte. Im Film Mode gibt man jede Stufe einzeln frei: Gliederung, Drehbuch, Beispielbild, Rohschnitt (eine einfache Version zum Prüfen von Bewegung und Timing) und Endproduktion. Er ist für recherchierte Dokumentationen und Werke über zehn Minuten gedacht. Man kann im Quick Mode anfangen und später in den Film Mode wechseln.

Was sich damit machen lässt

Das Handbuch nennt diese Anwendungsfälle:

  • Kurzfilme: cinecode kombiniert Ideen zufällig mit echten Dingen wie Museumsstücken, Tieren oder Weltraumfotos, um ungewöhnliche Blickwinkel zu finden. Frühere Werke werden abgeglichen, damit sich nichts wiederholt.
  • YouTube-Videos über zehn Minuten: Dokus und Erklärvideos in Akten oder Kapiteln. Aussagen über reale Personen und Ereignisse bekommen Quellenangaben. Fotos, Karten und historisches Filmmaterial kommen aus öffentlichen Archiven.
  • Werbe- und Produktvideos: Farben, Schriften, Logo und Schlussaufforderung der Marke werden übernommen, und zwar gleich in drei Formaten: hochkant (9:16), quadratisch (1:1) und quer (16:9).
  • Erklärvideos hochkant: 30 bis 60 Sekunden lang, mit einer Frage schon in der ersten Sekunde.
  • Musikvideos: cinecode misst den Rhythmus eines Songs und legt die Szenenwechsel auf Takte und Beats.
  • Videos nach Vorlage: Aus einem Video, das dir gefällt, misst cinecode nur das Format, also Schnittlänge, Tempo und Farbeinsatz. Bild und Ton entstehen dann komplett neu. Originalbilder oder Musik werden nicht übernommen.

Gelungene Formate lassen sich als Vorlage speichern und für ganze Serien wiederverwenden.

Stimmt „nur ein Claude-Abo, keine Zusatzkosten“?

Yildiz' auffälligste Behauptung: Ein Claude-Abo reiche, man zahle für nichts anderes. Laut der Analyse stimmt das im Großen und Ganzen, aber mit Bedingungen:

  • Nur in Claude Code oder Cursor. Im normalen Chat auf claude.ai läuft cinecode laut Handbuch ausdrücklich nicht, weil dort keine Werkzeuge auf dem eigenen Rechner ausgeführt werden können. Du brauchst also ein Abo, das Claude Code einschließt.
  • Eigener Rechner nötig. Vorausgesetzt werden Node.js ab Version 22, Python ab 3.9, ffmpeg und Google Chrome oder ein ähnlicher Browser. Fehlendes installiert die KI nach Rückfrage selbst. Zum Rendern braucht es eine Grafikkarte, die im Browser genutzt werden kann. Aktuelle Macs oder Windows-PCs mit funktionierenden Grafiktreibern reichen.
  • Sprecherstimme über andere Dienste. Bezahlen muss man dafür nicht zwingend. Möglich sind ein eigener Google-Gemini-Schlüssel (mit Gratis-Kontingent), der Sprachdienst ElevenLabs oder eine kostenlose türkische Sprachausgabe. Die vorgeschlagenen Stimmen sind vor allem türkisch und englisch.
  • Der Verbrauch ist hoch. Für ein Video von 30 bis 60 Sekunden macht die KI laut Handbuch etwa 100 bis 250 Arbeitsschritte. Claude-Abos haben Nutzungsgrenzen, längere Projekte stoßen also schneller daran. cinecode versucht gegenzusteuern und schlägt zum Beispiel einen neuen Chat vor, wenn der alte zu lang wird.
  • „Ganz ohne Video-Modelle“ gilt nur eingeschränkt. Je länger und faktenreicher ein Werk ist, desto mehr Fotos und Videos aus öffentlichen Archiven fließen ein, etwa von Wikimedia Commons, dem Internet Archive, der NASA oder aus Museen. Wer eine eigene Bild- oder Video-KI anschließt, kann sie als letzte Möglichkeit nutzen. Von sich aus schlägt die KI das laut Dokumentation aber nicht vor.

Urheberrecht von Anfang an mitgedacht

Für Firmen ist die Rechtefrage oft das größte Hindernis. cinecode baut sie fest ein: Es nutzt nur Schriften, deren Lizenz kommerzielle Nutzung ohne Namensnennung erlaubt. Bilder und Töne von außen kommen nur aus der Public Domain, also ohne bestehende Rechte, oder stehen unter CC0, bei der der Urheber auf seine Rechte verzichtet hat. Die Lizenz wird jeweils beim Import notiert. Zu jedem Video gibt es eine Credits-Datei, die man direkt in die Videobeschreibung kopieren kann. Sie soll auch helfen, wenn YouTube nach Musikrechten fragt. Geschützte Werke, die als Referenz gesammelt werden, dienen nur zur Orientierung und landen nicht im Video. Für Logos, Aufnahmen oder Musik, die du selbst mitbringst, bist du aber selbst verantwortlich. Die Software wird „wie besehen“ bereitgestellt und ist ausdrücklich keine Rechtsberatung.

Hintergrund: Video aus Code wird zum Trend

cinecode reiht sich in eine Entwicklung ein, die 2026 Fahrt aufgenommen hat. Im Januar veröffentlichte Remotion, ein Werkzeug zum Programmieren von Videos, einen offiziellen Skill für Claude Code. Das Demo-Video wurde laut Bericht über sechs Millionen Mal angesehen, der Skill in der ersten Woche über 25.000 Mal installiert. Nach der Vorstellung von Claude Opus 5.5 am 22. September tauchten auf X viele Videos auf, die angeblich „nur mit Prompts“ entstanden waren. Meist steckten dahinter Programme, die Bild für Bild zeichnen, und viel Arbeit: Ein Creator gab an, für ein kurzes Video im Aquarell-Stil rund sieben Stunden und 163 Anweisungen an die KI gebraucht zu haben.

cinecode selbst verbreitete sich schnell. Am 7. November hatte das Projekt 518 Sterne und 87 Forks auf GitHub, also Kopien, die andere weiterentwickeln. Es gibt bereits eine Portierung für OpenAIs Coding-KI Codex und eine von Freiwilligen gebaute Desktop-App namens „Cinecode Studio“. Der Videodienst animai hat eine Vorlage namens „Cinecode Film“ in sein Angebot eingebaut und verlangt dafür 180 Credits pro Minute. Ein kostenloses Verfahren ist also innerhalb weniger Tage zur Bezahlfunktion eines anderen Anbieters geworden, was die MIT-Lizenz ausdrücklich erlaubt.

Einordnung

cinecode ist kein neues KI-Modell. Es ist ein cleverer Arbeitsablauf, der die Stärke heutiger Sprachmodelle nutzt: Code schreiben. Wer Erklärvideos, Produktclips in mehreren Formaten oder wiederkehrende Serien braucht, bekommt damit etwas, das Video-KIs bisher kaum bieten: gleichbleibende Ergebnisse, gezielte Korrekturen und eine saubere Dokumentation der Rechte. Der Autor der Analyse sieht darin eine Verschiebung in der Videoproduktion: Bezahlt wird weniger für Handarbeit wie Drehen, Zeichnen und Schneiden, sondern für Urteilsvermögen, also die Entscheidung, was gewählt und was korrigiert wird. Weil Open-Source-Verfahren schnell kopiert werden, liegt der Vorsprung dann eher bei gesammelten Vorlagen, Markenmaterial und Kundenbeziehungen.

Es gibt aber Grenzen. Echte Schauspieler, Mimik und fotorealistische Realszenen lassen sich mit Code kaum darstellen. Hier bleiben Kamera oder Video-KI im Vorteil. Die Bildqualität hängt stark davon ab, was sich mit Browser-Grafik und three.js umsetzen lässt. Unabhängige Tests zu Qualität und tatsächlichem Abo-Verbrauch fehlen bisher. Die Angaben stammen aus der Projektdokumentation und vom Entwickler selbst. Und „keine Zusatzkosten“ setzt ein bezahltes Claude-Abo voraus, das bei 100 bis 250 Schritten pro Kurzvideo schnell an seine Grenzen kommen kann.

Quellen

#claude code#video#open source#anthropic#skills#motion design
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