Geklonte Stimme, falsches WhatsApp: Betrüger erbeuten 95 Millionen Euro von Bank
Betrüger haben sich per WhatsApp als Chef von Italiens größter Bank ausgegeben und am Telefon die Stimme eines Anwalts mit KI nachgeahmt. Damit brachten sie die Privatbank Fideuram dazu, rund 95 Millionen Euro ins Ausland zu überweisen. Etwa 36 Millionen Euro fehlen bis heute.

Worum es geht
Betrüger haben eine der größten Privatbanken Italiens um rund 95 Millionen Euro gebracht, umgerechnet etwa 108 Millionen US-Dollar. Ihr wichtigstes Werkzeug war vermutlich eine mit künstlicher Intelligenz geklonte Stimme. Betroffen ist Fideuram, die Private-Banking-Tochter von Intesa Sanpaolo, dem größten Geldhaus Italiens. Private Banking ist die Vermögensverwaltung für wohlhabende Kunden. Die Nachrichtenagentur Reuters berief sich auf zwei mit dem Fall vertraute Personen. Darüber berichteten unter anderem Gulf News, Gadget Review und Yahoo. Der Betrug begann im Februar 2026, öffentlich bekannt wurde er im September.
Intesa Sanpaolo und Fideuram wollten sich laut Reuters nicht äußern. Alle Angaben stammen deshalb aus anonymen Quellen. Die offizielle Bestätigung durch die Bank fehlt.
So lief der Betrug ab
Die Täter griffen über zwei Kanäle gleichzeitig an. Paolo Molesini, damals Vorsitzender von Fideuram, bekam eine WhatsApp-Nachricht. Sie schien von Carlo Messina zu stammen, dem Vorstandschef des Mutterkonzerns Intesa Sanpaolo. Der angebliche Messina bat um schnelle Hilfe bei einer Transaktion im Ausland.
Kurz darauf rief ein Mann an, der sich als Seniorpartner einer bekannten Anwaltskanzlei ausgab und den Auftrag bestätigte. Laut den Reuters-Quellen ahmten die Kriminellen die Stimme dieses Anwalts mit KI nach. Beim sogenannten Voice Cloning lernt eine Software aus Tonaufnahmen, wie eine Person klingt, und spricht danach beliebige Sätze in deren Stimme. Welches Programm genau zum Einsatz kam und woher die Stimmproben stammten, ist laut Gadget Review öffentlich nicht bekannt.
Molesini hielt die Anweisungen für echt und beauftragte die Finanzabteilung von Fideuram mit einer Reihe von Überweisungen. Das Geld ging vor allem auf Konten in China und Hongkong.
Gadget Review erklärt, warum der Trick wirkte. Der Auftrag schien von zwei unabhängigen, vertrauenswürdigen Stellen zu kommen: schriftlich vom Konzernchef, mündlich vom Anwalt. Die Technik der Bank wurde also nicht geknackt. Die KI ließ einen gefälschten Auftrag echt aussehen, und zwar für einen Menschen, der ohnehin befugt war, solche Zahlungen anzuweisen. Diese Masche heißt „CEO-Fraud“ oder Chef-Betrug: Kriminelle geben sich als Vorgesetzte aus, um Angestellte zu Überweisungen zu bewegen.
Wie viel Geld zurückkam
Fideuram fielen später Unregelmäßigkeiten bei den Überweisungen auf. Die Bank alarmierte die Empfängerbanken und Behörden in mehreren Ländern. Durch die Zusammenarbeit von Stellen in Italien, China und Portugal kamen laut Reuters rund 53 Millionen Euro zurück.
| Posten | Betrag (laut Reuters-Quellen) |
|---|---|
| Überwiesen | ca. 95 Mio. Euro |
| Zurückgeholt | ca. 53 Mio. Euro |
| Noch verschwunden | ca. 36 Mio. Euro (andere Berichte: ca. 39,5 Mio.) |
Wie viel Geld endgültig fehlt, ist noch offen. Gadget Review rät, die Zahl als vorläufig zu betrachten. Die rund 36 Millionen Euro liefen über ein Netz von Auslandskonten und wurden in Kryptowährungen umgetauscht. Danach lässt sich Geld deutlich schwerer verfolgen und einfrieren als auf einem normalen Bankkonto.
Rücktritt und Ermittlungen
Im März 2026, einen Monat nach Beginn des Betrugs, trat Molesini als Vorsitzender von Fideuram zurück. Er nannte persönliche Gründe, die Bank machte damals keine weiteren Angaben. Der Zeitpunkt lädt zu Spekulationen ein. Gadget Review betont aber, dass die Berichte keinen offiziellen Zusammenhang zwischen dem Rücktritt und dem Betrug belegen. Laut den Quellen von Reuters wird weder gegen Molesini noch gegen andere Fideuram-Führungskräfte ermittelt.
Die Mailänder Staatsanwaltschaft ermittelt einem Informanten zufolge gegen mindestens einen ausländischen Staatsbürger, der außerhalb Europas lebt. Der Verdacht lautet auf Computerbetrug. Zum Stand der Ermittlungen im September: Sie laufen noch.
Kein Einzelfall
In Italien hat es so etwas schon gegeben. Laut Reuters ahmten Betrüger im vergangenen Jahr mit KI die Stimme eines italienischen Ministers nach. Damit brachten sie den Unternehmer Massimo Moratti dazu, fast eine Million Euro auf ein Auslandskonto zu überweisen. Dieses Geld kam später zurück. Der Fideuram-Fall ist allerdings fast hundertmal so groß.
Was Unternehmen daraus lernen können
Gadget Review fasst die wichtigste Lehre zusammen: Eine vertraute Stimme beweist nicht mehr, wer am Telefon ist, wenn sich Stimmen synthetisch nachbauen lassen. Bei Führungskräften und bekannten Anwälten gibt es oft reichlich Material aus öffentlichen Reden, Interviews oder Konferenzmitschnitten. Daraus kann man Stimmen klonen. Organisationen, die einen Anrufer an der Stimme erkennen und das als Prüfung genügen lassen, sind genau für solche Angriffe anfällig.
Das Magazin empfiehlt allgemeine Vorkehrungen und weist darauf hin, dass damit keine bestätigten Versäumnisse bei Fideuram gemeint sind:
- Dringende Zahlungsaufträge über informelle Kanäle wie WhatsApp grundsätzlich als ungeprüft behandeln.
- Über einen zweiten Kanal rückfragen („Out-of-Band“-Bestätigung), also unter einer separat geprüften, bekannten Nummer zurückrufen und nicht unter der Nummer, von der der Anruf kam.
- Vier-Augen-Prinzip: Große Zahlungen müssen zwei Personen unabhängig voneinander freigeben.
- Vorab genehmigte Empfängerlisten: Geld geht nur an bereits geprüfte Konten.
Der Fall zeigt außerdem, wie wichtig schnelles Handeln ist. Dass mehr als die Hälfte des Geldes zurückkam, liegt laut den Berichten daran, dass die Bank die Unregelmäßigkeiten bemerkte und die Behörden mehrerer Länder zusammenarbeiteten. Ist das Geld erst in Kryptowährungen umgetauscht, wird es deutlich schwerer.
Einordnung
Der Betrug bei Fideuram gehört zu den größten bekannt gewordenen Fällen, in denen eine KI-Stimme eine Rolle gespielt haben soll. Er zeigt, wie sich die Bedrohung verschoben hat. Die Täter mussten keine IT-Systeme hacken. Ein Mensch mit Zahlungsbefugnis reichte, und dazu zwei scheinbar unabhängige Bestätigungen. Die Technik dafür ist inzwischen günstig und leicht zu bekommen.
Man sollte aber auch festhalten, was nicht belegt ist. Alle Details stammen aus anonymen Quellen. Bank und Konzern schweigen. Welche Software benutzt wurde, wie überzeugend die Stimme tatsächlich war und warum keine interne Kontrolle die Zahlungen rechtzeitig stoppte, ist nicht bekannt. Auch der endgültige Schaden steht nicht fest.
Für Unternehmen jeder Größe ist die Botschaft trotzdem klar: Eine bekannte Stimme am Telefon reicht als Beweis nicht mehr aus. Das gilt auch privat, etwa bei den sogenannten Enkeltrick-Anrufen, die mit geklonten Stimmen von Angehörigen arbeiten. Wer bei ungewöhnlichen, dringenden Geldbitten über einen zweiten, unabhängigen Weg nachfragt, nimmt dieser Betrugsform viel von ihrer Wirkung.
Quellen
- Bing News (en-US) gadgetreview.com
- gulfnews.com gulfnews.com
- yahoo.com yahoo.com
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