Infostealer „Volta“ lässt Claude, Kimi und Gemini seine Opfer durchleuchten
Cisco Talos hat eine Windows-Schadsoftware namens Volta-Autodoxer entdeckt, die gestohlene Daten an KI-Modelle schickt. Die KI erstellt daraus ein Dossier und bewertet, welche Opfer und Werte sich am meisten lohnen. Bei Verweigerung weicht die Malware auf andere Modelle aus.

Worum es geht
Forscher von Cisco Talos haben laut einem exklusiv an Wired („Kernel Panic“) weitergegebenen Bericht eine neue Variante von Infostealer-Malware entdeckt, die ein großes Sprachmodell (LLM) einbaut. Infostealer sind Schadprogramme, die Passwörter, Authentifizierungs-Tokens, Cookies, Kreditkartendaten und mehr von infizierten Rechnern stehlen. Die neue Software nennt sich intern „VOLTA-AUTODOXER“. Sie erstellt automatisch Profile ihrer Opfer („Doxing“ meint das Sammeln und Zusammenführen persönlicher Daten) und stuft ein, welche Ziele am lukrativsten sind. Entdeckt wurde sie mit dem neuen Talos-Framework CAIRN, das Hacking-Werkzeuge mit KI-Funktionen aufspüren soll. Eine Probe wurde laut Talos am 11. Oktober 2026 erstmals gesehen.
Was Volta stiehlt
Als Stealer gilt Volta laut Talos als ausgereift. Er greift Browser-Passwörter, Cookies und gespeicherte Zahlungskarten von Chromium-Browsern ab, ebenso Firefox, Thunderbird, Outlook, Slack, Steam, Battle.net, Discord, Telegram, Roblox, Microsoft-OAuth-Tokens, SSH- und Cloud-Schlüssel sowie alle gespeicherten WLAN-Passwörter. Krypto-Wallets werden nicht nur kopiert; ein eingebauter Cracker versucht, die Tresore zu knacken. Laut Wired scheint er auf jüngere Nutzer mit intensivem digitalem Leben zu zielen.
Danach folgt eine zweite Runde: Mit gestohlenen Sitzungen durchsucht Volta das Gmail-Postfach nach Kaufbelegen (Amazon, DoorDash, Uber Eats, Grubhub, Walmart, PayPal), um die Wohnadresse zu bestätigen, ruft Bestellverläufe bei Uber Eats und DoorDash ab, ergänzt Discord-Profile und bewertet Roblox-Inventare über eine Live-Abfrage. Das Dossier enthält unter anderem Standort, Adresse, Arbeitgeber, geschätztes Geburtsjahr, die letzten vier Kartenziffern und Slack-Workspaces.
Die KI als Analyst
Das Dossier wird lokal als „Identity_Report.txt“ angelegt, als JSON verpackt und über OpenRouter – einen Dienst, der Anfragen an verschiedene KI-Anbieter weiterleitet – an ein Modell geschickt. Die Anfrage läuft über die Internetverbindung des Opfers, auf dessen Rechner. Die Antwort wird als „AI_Analysis.txt“ gespeichert, beides geht gemeinsam in „volta_dox.zip“ an die Angreifer.
Der Prompt (rund 240 Wörter) beginnt laut Wired mit „Du bist ein forensischer Geheimdienstanalyst, der eine Zielbewertung aus einem strukturierten Beweispaket erstellt“. Verlangt werden eine Zusammenfassung, Details zur Person, ein Abschnitt „WHAT THEY'RE WORTH“ mit Werten nach Monetarisierbarkeit (niedrig/mittel/hoch) und „THEIR OPSEC“, also eine Bewertung von Sicherheitsverhalten und Passworthygiene. Das Modell soll „Punkte über Felder hinweg verbinden“, etwa prüfen, ob ein WLAN-Passwort dem Nachnamen entspricht. Hinweis: „Go deep, not wide.“ Das Modell soll nichts finden, sondern aus vorhandenen Daten Schlüsse ziehen.
| Einstellung | Wert |
|---|---|
| Endpunkt | OpenRouter (Chat Completions) |
| Standardmodell | Claude Opus 4.6 |
| Fallback-Kette | Kimi K2 (chinesisches Open-Weight-Modell) → Gemini 2.5 Flash |
| Temperatur | 0,2 (konsistente Ausgabe) |
Volta prüft die Antworten auf Verweigerungsphrasen wie „I can't“ oder „I'm not able“ und fragt dann das nächste Modell. Ryan Fetterman von Talos sagt, der Prompt sei sorgfältig so formuliert, dass er nicht offen bösartig wirke, und die Entwickler rechneten mit Ablehnungen schon bei der ersten Anfrage. Fallbacks und ältere, günstige Modelle seien bei Angreifern üblich.
Verkaufsprodukt statt Einzelwerkzeug
Volta nutzt laut Talos eine Vorlage mit sechs austauschbaren Feldern (u. a. Telegram-Kanal, API-Schlüssel), die beim Bauen gefüllt werden. Das deutet auf ein Builder-Modell: Der Autor verkauft Zugang, Kunden liefern ihre Werte, für jede Bestellung wird eine eigene Binärdatei erzeugt. Die Schlüssel sind nur schwach verschleiert. Alle beobachteten Endpunkte gehören Dritten, eine eigene Angreifer-Infrastruktur gibt es nicht. Die Malware löscht sich selbst. Dadurch könnten auch wenig versierte Kunden Opfer-Rankings direkt in ihr Telegram-Postfach bekommen.
Gegenmaßnahmen
Vieles beruht auf Umgehung der Chrome-„App-Bound Encryption“. Talos empfiehlt eine Anwendungsrichtlinie, die den Start von Chrome mit --headless durch unbekannte Prozesse blockiert, oder zumindest Alarme dafür, sowie hardwaregestützte Speicher für Zugangsdaten. Bei einer Infektion sollte man die Datei %APPDATA%\volta_debug.txt sichern: Sie protokolliert, was gesammelt wurde und ob der KI-Aufruf klappte. Tokens widerrufen, Passwörter ändern; liegt eine Wallet-Seed im Klartext auf der Platte, gilt die Wallet als kompromittiert und Gelder sollten in eine neue Wallet wandern.
Einordnung
Talos spricht von „effort displacement“: Die KI ersetzt den Schritt, der am meisten menschliche Aufmerksamkeit braucht – die Auswahl wertvoller Opfer – und macht Malware nicht schneller, sondern bequemer. Das gleiche Muster sah Talos schon bei CLOSEDQUORUM. Ein zweiter Trend ist Resilienz gegen Modellverweigerungen. Wired verweist auf CrowdStrike, das vier Hackergruppen verschiedener Stärke (chinesisch, spanisch/englisch, indonesisch, russisch) beobachtet hat, die KI zum Angriff auf Dutzende Ziele nutzen. Offen bleibt, ob Volta tatsächlich im Einsatz ist, denn Talos hat das nicht verfolgt. Auch ob Anbieter Missbrauch über OpenRouter erkennen, geht aus den Quellen nicht hervor. Dass ausgerechnet die Schutzmechanismen der Modelle durch Fallbacks umgangen werden sollen, ist für Anbieter ein Warnsignal.
Quellen
- Wired – AI wired.com
- Bing News (fr-FR) mezha.net
- blog.talosintelligence.com blog.talosintelligence.com
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