Jemen-Zelle ließ Claude Code Raketen-Steuersoftware schreiben
Laut einem Sicherheitsbericht von Anthropic hat eine Gruppe im Norden Jemens das KI-Modell Claude genutzt, um Lenksoftware für eine Lenkrakete und zwei Langstrecken-Raketenprogramme zu entwickeln. Die Täter setzten mehrere KI-Instanzen wie ein kleines Ingenieursteam ein und umgingen Schutzmechanismen, indem sie ihre Ziele verschleierten.

Worum es geht
Das US-KI-Unternehmen Anthropic hat am 10. September 2026 seinen Bericht „Detecting and countering misuse of AI: September 2026“ veröffentlicht. Darin beschreibt es, wie es Missbrauch seiner KI-Modelle aufdeckt und unterbindet. Ein Fall sticht heraus: Eine Zelle von Waffenentwicklern „mit Sitz im Norden Jemens“ hat laut Anthropic das Sprachmodell Claude und das Programmierwerkzeug Claude Code genutzt, um Software für drei Waffenprogramme zu entwickeln. Die Aktivität fällt in einen Zeitraum, in dem Anthropic zwischen Dezember 2025 und August 2026 mehrere Fälle unterband. Intern trägt der Fall die Bezeichnung GTG-87001.
Der Bericht ist schon zwei Monate alt, verbreitet sich aber gerade erneut, etwa über das jemenitische Portal Belqees. Laut dem Luftfahrtmagazin MiGFlug liegt das daran, dass Huthi-Raketen derzeit Ziele in Saudi-Arabien treffen.
Die drei Waffenprogramme
Laut Anthropic arbeitete die Zelle an:
- einer Lenkrakete, die einen handelsüblichen Flugrechner der Smartphone-Klasse nutzt und in der letzten Flugphase selbstständig ins Ziel steuert (Endphasenlenkung),
- einer mehrstufigen ballistischen Rakete mit dem erklärten Ziel einer Reichweite von über 2.000 Kilometern,
- einer Raketenfamilie namens „R2000“, zu der auch eine Variante mit Hyperschall-Gleitflugkörper gehört. Das ist ein Flugkörper, der mit mehr als fünffacher Schallgeschwindigkeit durch die Atmosphäre gleitet und schwer abzufangen ist.
Im Zentrum stand die sogenannte GNC-Software (Guidance, Navigation and Control, also Lenkung, Navigation und Steuerung). Sie hält einen Flugkörper stabil und lenkt ihn ins Ziel. Laut MiGFlug ließ die Gruppe Claude einen Open-Source-Autopiloten auf den Smartphone-Flugrechner anpassen und den Code für Steuerung und Positionsbestimmung schreiben. Claude stellte außerdem die Regelparameter ein, betrieb die Build-Kette für die Firmware (die fest eingebaute Gerätesoftware) und simulierte Flüge. Für die ballistische Rakete entstand zudem eine Flugbahnsimulation mit sechs Freiheitsgraden, die Bewegung und Drehung in alle Richtungen berechnet. Die Flugsteuerung wurde mit Reinforcement Learning optimiert, einem Verfahren, bei dem ein System durch Belohnung für gute Ergebnisse dazulernt.
Eine KI als Ingenieursteam
Bemerkenswert ist, wie die Gruppe vorging. Sie ließ mehrere Claude-Sitzungen gleichzeitig laufen und verteilte die Rollen wie in einem kleinen Entwicklerteam: Eine Instanz schrieb den Code, eine zweite recherchierte, eine dritte prüfte die Ergebnisse der ersten. Laut Middle East Eye hat die KI damit Arbeit übernommen, für die man sonst ein Team von Ingenieuren gebraucht hätte.
Die Schutzmechanismen von Claude blockierten nach Anthropics Angaben viele Anfragen, aber nicht alle. Die Täter verschleierten ihre eigentlichen Ziele und den Zweck der Software. Außerdem verteilten sie die Arbeit auf viele Sitzungen, sodass kein einzelnes Gespräch das Gesamtprojekt erkennen ließ. Anthropic schreibt dazu laut Middle East Eye:
Wir haben keine Belege dafür, dass es den Akteuren gelungen ist, ein einsatzfähiges Gerät zu bauen; aber sie haben eine Lenkrakete testweise abgefeuert. Dieser Feldtest scheint fehlgeschlagen zu sein: Innerhalb von Stunden kehrten die Akteure zu Claude zurück, um herauszufinden, warum.
Konten gesperrt, Simulationswerkzeug bleibt
Anthropic entdeckte die Aktivität bei eigenen Ermittlungen zu mutmaßlicher Waffenentwicklung. Das Unternehmen sperrte alle zugehörigen Konten und gab Informationen an Partner aus Regierung und Industrie weiter. Laut Livemint hat es außerdem stärkere Schutzmaßnahmen eingeführt. MiGFlug berichtet von neuen Klassifikatoren, also automatischen Filtern, die waffenbezogene Anfragen erkennen und blockieren sollen.
Beendet ist das Programm damit nicht unbedingt. Die Zelle hatte bereits ein Offline-Simulationswerkzeug gebaut, das als eigenständiges Programm ohne Claude und ohne Ingenieurssoftware wie MATLAB läuft. Teile der Entwicklung können also ohne KI-Zugang weitergehen.
Waren es die Huthis?
Anthropic sagt das nicht. Der Bericht spricht von einer Zelle im Norden Jemens und nennt keine Organisation. Den Norden mit der Hauptstadt Sanaa kontrollieren die vom Iran unterstützten Huthis, die eigene Langstreckenraketen- und Drohnenprogramme betreiben. Deshalb stellen viele Medien die Verbindung her, darunter die Hauptquelle Belqees und Middle East Eye. MiGFlug betont, dass es sich um eine Schlussfolgerung handelt und nicht um eine Aussage des Berichts. Auch die in sozialen Medien verbreitete Bezeichnung „Terrorzelle“ stammt nicht von Anthropic.
Der politische Hintergrund ist angespannt. Laut Middle East Eye haben die Huthis kürzlich mit einer Offensive große Teile der Rotmeerküste samt der Meerenge Bab el-Mandeb eingenommen. MiGFlug berichtet, dass seit Juli 2026 Huthi-Raketen und -Drohnen Ziele in Saudi-Arabien getroffen haben, darunter den Flughafen King Khalid in Riad, wo am 10. Oktober mindestens 13 Menschen starben. Die Huthis erhielten laut Middle East Eye Waffen und Ausbildung aus dem Iran und militärische Hilfe aus Russland, setzen aber auch auf eine eigene Rüstungsindustrie.
Sechs Waffenfälle im Bericht
Der Jemen ist laut MiGFlug nur einer von sechs Fällen konventioneller Waffenentwicklung. Anthropic führt diese Kategorie seit seinem letzten Bericht im November 2025 neu. Die übrigen Fälle:
| Ort | Fall |
|---|---|
| Russland | Software für einen autonomen Schwarm von FPV-Kamikazedrohnen, simuliert und auf echte Platinen geladen |
| Russland | Beschaffung von Dual-Use-Gütern für russische Rüstungskunden |
| China | Rund 16 Module für elektronische Kampfführung und die Ausschaltung gegnerischer Luftabwehr |
| China | Spezifikation für die Feuerleitung eines Anti-Torpedo-Systems |
| China | Sammeln öffentlicher Informationen über eine Energiewaffe |
Parallel veröffentlichte Anthropics Frontier Red Team, eine interne Gruppe, die Modelle gezielt auf gefährliche Fähigkeiten testet, Auswertungen. Sie zeigen laut MiGFlug, dass KI-Modelle bei simulierten Aufgaben der Waffenentwicklung stetig besser werden.
Einordnung
Der Fall ist eines der bisher konkretesten Beispiele dafür, dass KI-Programmierwerkzeuge militärisches Fachwissen teilweise ersetzen können. Lenksoftware gilt laut MiGFlug als einer der schwierigeren Teile beim Bau präziser Raketen und erforderte bisher erfahrene Ingenieure. Für Gruppen, die Hardware und Grundwissen schon haben, senkt die KI diese Hürde. Gleichzeitig zeigt der Fall die Grenzen der Schutzmechanismen. Wer seine Absicht verschleiert und Aufgaben in harmlos wirkende Teile zerlegt, kommt oft durch. Das ist ein Grundproblem, weil Flugsteuerungscode für Drohnen oder Modellraketen auch zivil genutzt wird.
Es gibt aber auch eine Kehrseite. Waffenprogramme im Jemen wurden bislang vor allem anhand von Trümmern und beschlagnahmten Lieferungen rekonstruiert, etwa vom UN-Expertengremium. Hier konnte der Anbieter des Werkzeugs einen Teil der Arbeit nahezu in Echtzeit beobachten. Offen bleibt einiges: Alle Angaben stammen von Anthropic selbst und sind nicht unabhängig überprüft. Wie weit die Programme tatsächlich gekommen sind, ist unklar, ebenso, wer genau dahintersteht. Und Open-Weight-Modelle, die man ohne Anbieterkontrolle lokal betreibt, lassen sich auf diese Weise gar nicht überwachen.
Quellen
- Google News (EG) belqees.net
- livemint.com livemint.com
- migflug.com migflug.com
- middleeasteye.net middleeasteye.net
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