Konto gesperrt, Chats weg: Welche Rechte du in der EU hast und wie du vorsorgst

Seit dem 7. November sperrt OpenAI offenbar massenhaft ChatGPT-Konten, auch Pro-Abos für 200 Dollar. Wer gesperrt ist, kommt an Chats, Memory und Projekte nicht mehr heran. Wir zeigen, was DSA und DSGVO tatsächlich hergeben, wo die Lücken sind und wie du deine Daten bei ChatGPT, Claude, Gemini und Meta Muse in wenigen Minuten sicherst.

Analysen 8. Nov. 2026 9 Min. Lesezeit Eigene Analyse der Redaktion
Symbolbild, KI-generiert

Darum geht es

Seit dem 7. November melden ChatGPT-Nutzer, dass ihr Konto über Nacht unbrauchbar geworden ist. Beim Einloggen erscheint nur „account_deactivated“, eine E-Mail vorab bekamen die meisten nicht. Laut dev.ua, Kod.ru und BigGo Finance sind auch Pro-Abos für 200 Dollar im Monat betroffen, außerdem geteilte Team-Konten und kostenlose API-Konten, manche davon seit fünf Jahren aktiv. Mit dem Zugang verschwinden Chatverläufe, Projekte, die Memory-Funktion (die Notizen, die sich ChatGPT über dich merkt) und bei manchen jahrelange Tagebuch- und Arbeitsnotizen. Eine Stellungnahme oder Zahl der Betroffenen hat OpenAI bis zum 8. November nicht veröffentlicht.

Unsere These: Wer seine Arbeit in einem Chatbot ablegt, besitzt sie nicht, sondern mietet sie nur. Das EU-Recht gibt dir Hebel in die Hand, aber sie wirken langsam und sind teils schwächer als oft behauptet. Vorsorge kostet dagegen nur ein paar Minuten.

Was über die Sperrwelle bekannt ist

Belegt sind nur Einzelfälle, ein Gesamtbild gibt es nicht. Ein Pro-Kunde aus OpenAIs Programm für Sicherheitsforscher hatte sein Konto mit einem physischen Sicherheitsschlüssel geschützt. Er vermutet, dass seine VPN-Verbindungen über verschiedene Länder die Sperre ausgelöst haben, betont aber selbst, dass das nur eine Annahme ist. Der Support nannte ihm keinen Grund und verwies auf den Einspruch. Ein Reddit-Nutzer wurde laut Kod.ru wegen einer angeblichen Verbindung zu einem früher gesperrten Konto ausgeschlossen, obwohl er nach eigenen Angaben nie ein zweites Konto hatte. Sein Einspruch war nach etwa einer Stunde abgelehnt. Ein anderer Nutzer, der seit vier Jahren zahlt, bekam die erste Ablehnung nach wenigen Minuten und die zweite nach rund einer Minute. Laut dev.ua begrenzt OpenAI inzwischen auch, wie viele bezahlte Konten pro Gerät und pro Bankkarte möglich sind.

Im chinesischen Forum V2EX vermuten Nutzer, dass vor allem Reverse Proxys gesucht werden, also Zwischenserver, über die ein Konto von vielen Menschen gleichzeitig genutzt und oft weiterverkauft wird. Dort ist auch von Sippenhaft die Rede: Ein Nutzer soll mehr als zehn Pro-Konten auf einmal verloren haben. Gleichzeitig schreiben viele Forumsteilnehmer, dass ihre Konten normal laufen. Ebenfalls auf V2EX kam die Spekulation auf, Cat Wu habe etwas damit zu tun. Die bisherige Produktchefin von Claude Code ist von Anthropic zu OpenAI gewechselt und leitet dort laut The Next Web das Produktmanagement der Kernprodukte. Für einen Zusammenhang mit den Sperren gibt es keinen Beleg.

Die Welle ist nicht die erste. Schon im Juni und Juli füllte sich das OpenAI-Community-Forum mit ähnlichen Fällen. Ein Nutzer bekam die Ablehnung, sein Einspruch sei „nach über 180 Tagen“ eingereicht worden, obwohl die Sperre erst vier Tage zurücklag. Andere Konten wurden nach erfolgreichem Einspruch nur als kostenlose Konten wiederhergestellt. Mehrere Sperren nannten als Grund Distillation, also das Abschöpfen von Modellantworten, um damit ein eigenes Modell zu trainieren. In einem GitHub-Issue beschreibt ein Pro-Kunde, wie ein Bot seinen Einspruch in Sekunden abwies. Erst eine Eskalation über den Hilfe-Chat brachte das Konto zurück.

Was der DSA wirklich hergibt

Die EU-Kommission hat ChatGPT am 31. August 2026 als sehr große Online-Suchmaschine (VLOSE) nach dem Digital Services Act eingestuft. Sie nennt ChatGPT einen „hybriden Dienst“, weil er das Web durchsucht. Nach OpenAIs eigenen Angaben nutzen im Schnitt 159,1 Millionen Menschen pro Monat in der EU die Suche von ChatGPT. Bis Januar 2027 muss OpenAI die Zusatzpflichten erfüllen: Risikobewertungen, jährliche unabhängige Prüfungen, mehr Transparenz, Nutzungsbedingungen in allen EU-Amtssprachen und eine verständliche Zusammenfassung, in der auch die Beschwerdewege stehen (Art. 14 Abs. 5).

Die Rechte, auf die Gesperrte hoffen, hängen allerdings an der Art des Dienstes und nicht an seiner Größe:

DSA-Regel Inhalt gilt für
Art. 14 Abs. 4 Regeln sorgfältig, objektiv und verhältnismäßig anwenden alle Vermittlungsdienste
Art. 17 konkrete Begründung jeder Kontosperre, auch Hinweis auf automatisierte Entscheidung und Rechtsbehelfe Hosting-Dienste
Art. 20 kostenloses internes Beschwerdesystem, Entscheidungen nicht allein automatisiert Online-Plattformen
Art. 21 zertifizierte Schlichtungsstelle, für Nutzer kostenlos oder fast kostenlos, nicht bindend Online-Plattformen
Art. 53 Beschwerde beim Digital Services Coordinator (in Deutschland die Bundesnetzagentur) alle Vermittlungsdienste

Suchmaschinen kommen in Art. 17, 20 und 21 nicht ausdrücklich vor. Die Kommission hat ChatGPT als Suchmaschine eingestuft, nicht als Plattform. Ein arXiv-Paper hält dagegen, ChatGPT sei zugleich ein Hosting-Dienst, weil es Eingaben und eigene GPTs speichert. Entschieden ist das nicht.

Unsere Einschätzung: Eine Begründungspflicht nach Art. 17 lässt sich gut vertreten, sie gälte dann aber schon seit 2024 und nicht erst ab Januar 2027. Beim Beschwerdesystem und der Schlichtung (Art. 20/21) stehen Gesperrte rechtlich auf wackligem Boden. Mit dem Ende der Custom GPTs am 11. Dezember fällt zudem der GPT Store weg, der Teil von ChatGPT, der einer Plattform am ähnlichsten war. Sicher gelten die Sorgfaltspflicht aus Art. 14 und das Beschwerderecht bei der Aufsicht nach Art. 53.

Datenschutz: Deine Daten bleiben deine Daten

Stärker ist die DSGVO, denn sie gilt unabhängig davon, ob du dich noch einloggen kannst.

  • Auskunft (Art. 15): Du hast Anspruch auf eine Kopie aller Daten, die OpenAI über dich verarbeitet. Die Antwort muss innerhalb eines Monats kommen, in Ausnahmefällen darf die Frist um zwei Monate verlängert werden. Laut OpenAIs Datenschutzerklärung kann das Unternehmen Daten gesperrter Konten aufbewahren. Die Daten sind also wahrscheinlich noch vorhanden.
  • Datenübertragbarkeit (Art. 20): Was du selbst bereitgestellt hast, also Eingaben und Uploads, muss in einem maschinenlesbaren Format herausgegeben werden. Ob auch die Antworten der KI dazugehören, ist umstritten.
  • Automatisierte Entscheidung (Art. 22): Eine Sperre mit erheblichen Folgen, die allein ein Algorithmus trifft, ist nur in Ausnahmen erlaubt, etwa wenn sie zur Vertragserfüllung nötig ist. Auch dann hast du Anspruch darauf, dass ein Mensch eingreift, dass du deinen Standpunkt darlegen und die Entscheidung anfechten kannst. Wie streng das ausgelegt wird, zeigt der Fall Uber: Das Berufungsgericht Amsterdam wertete 2023 automatisierte Sperren von Fahrerkonten als rein automatisiert, weil die menschliche Kontrolle „kaum mehr als symbolisch“ war. Nach einem Urteil des EuGH vom Februar 2025 (C-203/22) muss außerdem nachvollziehbar erklärt werden, wie eine automatisierte Entscheidung zustande kam.

Wie es in der Praxis läuft, zeigt ein Forumsfall vom Juni: Das Datenschutzportal von OpenAI meldete nur „Konto gelöscht oder deaktiviert“, und der Support verschickte einen allgemeinen Artikel zum Datenexport. Die Organisation noyb hatte schon 2024 bei der österreichischen Datenschutzbehörde bemängelt, dass OpenAIs Antworten auf Auskunftsanfragen unvollständig seien. Beschweren kannst du dich bei der Datenschutzbehörde deines Bundeslands. Weil OpenAI Ireland Vertragspartner für die EU ist, liegt die Federführung bei der irischen Datenschutzbehörde DPC. Das kostet Zeit.

Zusätzlich gilt deutsches Vertragsrecht. Der Bundesgerichtshof hat 2021 im Fall Facebook entschieden, dass Nutzer vor einer Kontosperre informiert und angehört werden müssen und danach neu entschieden werden muss (III ZR 179/20). Ob das auf ChatGPT übertragbar ist, hat noch kein Gericht geklärt.

So sicherst du deine Daten vorher

Dienst Weg Was drin ist Lücken
ChatGPT Einstellungen → Datenkontrollen → Daten exportieren ZIP mit conversations.json und chat.html. Zustellung kann bis zu 7 Tage dauern, der Link gilt 24 Stunden Memory: widersprüchlich dokumentiert. GPT-Konfigurationen laut mehreren Anleitungen nicht enthalten. Business/Enterprise: kein Export in Eigenregie
Claude Einstellungen → Datenschutz → Export (Web/Desktop, nicht in der App) Chats, Projekte, Memory, Kontodaten. Link gilt 24 Stunden Originaldateien fehlen. Bei Team-Plänen muss ein Owner den Export freischalten
Gemini takeout.google.com: „Gemini“ plus „My Activity → Gemini Apps“ Gems, Chats, generierte Medien, Uploads. Link gilt 7 Tage Wenn die Aktivität nicht gespeichert wird, ist der Export leer
Meta Muse Einstellungen → Datenkontrolle → „Deine Muse-Daten herunterladen“ Chats, Dateien, Agent-Informationen Dauer und Format nennt Meta nicht. Memory.md sicherheitshalber selbst kopieren

Die Exporte von ChatGPT und Claude laufen nur mit eingeloggtem Konto. Laut Anthropic-Hilfe lässt sich ein Export nach der Schließung eines Kontos nicht mehr neu anstoßen. Bei Google erlauben manche Sperren einen Datendownload, bei schweren Verstößen nicht. Hinzu kommt: Eine Google-Sperre trifft das ganze Konto, auch Gmail.

So kommst du in fünf Minuten zur Sicherung:

  1. Starte den Export, lade das Archiv innerhalb der Gültigkeit herunter und lege es außerhalb der Cloud des Anbieters ab.
  2. Kopiere die Memory-Einträge als Text, entweder über die Einstellungen oder indem du den Bot bittet, sie wörtlich auszugeben. Claude empfiehlt genau das.
  3. Sichere Anweisungen und Wissensdateien eigener GPTs und Gems separat. Bei GPTs ist das vor dem 11. Dezember ohnehin nötig. Wer sie in Plugins umwandelt, kann sie als ZIP herunterladen.
  4. Wiederhole das regelmäßig, zum Beispiel monatlich, und speichere wichtige Ergebnisse gleich in gängigen Formaten wie Markdown oder PDF.

Wenn es dich trifft

Mach Screenshots von der Fehlermeldung, notiere die Uhrzeit und, falls vorhanden, die Request-ID. Lege Einspruch über den Link in der Sperr-Mail, das Formular oder den Hilfe-Chat ein. Verlange darin ausdrücklich eine menschliche Prüfung und eine konkrete Begründung. Stelle gleichzeitig einen Antrag auf Auskunft und Datenkopie nach Art. 15 und 20 DSGVO und bitte darum, deine Daten zu sichern. Bezahlst du über Apple oder Google, kündige das Abo selbst: Laut OpenAI-Hilfe stoppt die automatische Verlängerung bei einer Sperre nur für Abos, die direkt bei OpenAI abgeschlossen wurden. Lege kein neues Konto an, denn eine Verbindung zu einem gesperrten Konto gilt selbst als Sperrgrund. Bleibt die Antwort einen Monat aus, wende dich an die Datenschutzbehörde und die Bundesnetzagentur.

Einordnung

Wie unausgewogen das Kräfteverhältnis ist, zeigen die einzigen öffentlichen Zahlen: Anthropic hat im ersten Halbjahr 2026 nach eigenen Angaben 11,4 Millionen Konten gesperrt. 398.000 Einsprüche gingen ein, das sind etwa 3,5 Prozent, und 42.000 davon hatten Erfolg. Das sind rund 10,6 Prozent der Einsprüche und etwa 0,4 Prozent aller Sperren. Von OpenAI haben wir keine vergleichbaren Zahlen gefunden. Auch Anthropic sperrte im Oktober Nutzer aus Hongkong und Russland, die über VPN zugriffen. Die Branche setzt also überall auf automatisierte Erkennung, und Fehler treffen zahlende Kunden.

Unsere Einschätzung: Für Menschen in der EU ist die DSGVO der verlässlichste Hebel, besonders der Auskunftsanspruch und das Recht auf menschliche Prüfung. Der DSA bringt ab Januar 2027 vor allem Prüfungen und mehr Transparenz. Klare Beschwerde- und Schlichtungsrechte für ChatGPT-Nutzer bringt er erst, wenn geklärt ist, ob ChatGPT auch ein Hosting-Dienst oder eine Plattform ist. Bis dahin zählt die schlichte Regel: Was nur im Chatverlauf existiert, kann über Nacht verschwinden. Ein Export am Monatsanfang ist die billigste Versicherung.

Quellen

#chatgpt#datenschutz#dsa#dsgvo#kontosperre#datenexport

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