„Reverse-Engineer Anything“: KI knackt Smart-TVs, Apps und IoT-Geräte

Per KI-Agent entfernen Nutzer Werbung und Bloatware von Smart-TVs, beleben abgeschaltete Geräte neu oder klonen ganze Software-Funktionen. Ein GitHub-Projekt namens „Reverse Engineer Anything“ wurde dabei binnen Tagen extrem populär. Das ist praktisch, bringt aber Risiken durch fehlerhafte und unsichere Software mit sich.

Branche 25. Okt. 2026 5 Min. Lesezeit Quelle: r/LocalLLaMA
Symbolbild, KI-generiert

Worum es geht

Am vergangenen Wochenende wurde es laut 404 Media Mode, KI-Agenten für „Reverse Engineering“ einzusetzen. Dabei analysiert man vorhandene Software oder Geräte, ohne den Quellcode zu haben, und baut Funktionen nach oder ersetzt sie. Smart-TVs bekommen neue, schlankere Oberflächen ohne Werbung und Bloatware (vorinstallierte, ungewollte Software). Aufgegebene Internet-of-Things-Geräte (vernetzte Alltagsgeräte) werden mit neuer Software wiederbelebt. 404 Media beschreibt das als „Vibe Coding“, also Programmieren per Anweisung an eine KI. Der Unterschied ist, dass nichts von Grund auf neu entsteht, sondern Bestehendes nachgebaut wird.

Was Nutzer gerade tun

404 Media nennt mehrere Beispiele:

  • Smart-Bilderrahmen werden zu KI-gestützten Kalendern.
  • Babyphones werden von Werbung befreit.
  • Stillgelegte Lululemon-Spiegel bekommen neue Software.
  • Dutzende TVs erhalten KI-geschriebene Software, die Bloatware und Werbung entfernt und die Oberfläche vereinfacht.

Ein Nutzer namens Gathin schrieb auf X, auf dem TV seiner Eltern sei vor Netflix eine Werbeanzeige erschienen. Er gab Claude Code die Modellnummer. Die KI fand den TV im WLAN, entfernte 25 Xiaomi-Pakete und schrieb einen neuen Launcher, also die Startoberfläche. Das Ergebnis sehe „wie ein Apple TV“ aus. Der Post wurde laut Bericht angeblich über 6 Millionen Mal angesehen.

Das Projekt „Reverse Engineer Anything“

Eines der viralsten GitHub-Repositories der letzten Zeit heißt „Reverse Engineer Anything“ (REA). Es hatte zum Zeitpunkt des Artikels über 342.000 Sterne. Die Projektbeschreibung lautet sinngemäß: Wer in einer App eine Funktion sieht, die er im eigenen Produkt haben will, lässt seinen Agenten sie mit REA untersuchen. Der Agent kann die App ohne Quellcode inspizieren, die Funktion erklären, Belege zeigen und eine Version für das eigene Projekt bauen.

Das Prinzip hat laut 404 Media zuletzt auch KI-getriebene Klone von Adobes Creative Cloud und Microsoft Office möglich gemacht. Außerdem wurden Hunderte Videospiele „dekompiliert“. Dekompilieren heißt, aus fertigem Programmcode wieder lesbaren Quellcode zu rekonstruieren. Neu ist das Prinzip nicht. Gemeinschaften haben schon lange mit Handarbeit und Open-Source-Werkzeugen stillgelegte Geräte repariert oder Schwachstellen zum Modifizieren gefunden. Neu ist, dass KI-Agenten es einfacher und schneller machen.

Ein angeblicher Gitarrenpedal-Hersteller schrieb auf Hacker News, er habe in 72 Stunden die Effekt-Algorithmen von drei Konkurrenten per KI „dekompiliert“. Das ist eine unüberprüfte Selbstaussage.

Fallbeispiel: Samsung-TV mit Handykamera

XDA Developers berichtet über einen Reddit-Nutzer (0xVic), der von der Welle inspiriert war. Er bat Claude, seinen vermeintlichen Android-TV per ADB (Android Debug Bridge, eine Entwicklerschnittstelle) zu entrümpeln. Der Auftrag war:

  • Werbung und Telemetrie reversibel deaktivieren, nichts deinstallieren.
  • Vorher Backups erstellen.
  • Einen Apple-TV-artigen Startbildschirm bauen.
  • Jeden Schritt per Screenshot prüfen.
  • Ein Wiederherstellungsskript liefern.

Der TV war aber ein Samsung mit Tizen OS, das stark abgeschottet ist und kein ADB nutzt. Claude konnte den Bildschirm daher nicht sehen. Die KI baute deshalb eine kleine Webseite auf einem lokalen Server, die Zugriff auf die Handykamera erhielt. Alle vier Sekunden entstand ein Foto des TVs, mit dem sie ihren Fortschritt kontrollierte. Dabei löste sie versehentlich mehrfach selbst Videos wie „Keyboard Cat“ aus.

Nach etwa 11 Stunden, zwei ausgereizten 5-Stunden-Limits und rund 30 % eines Claude-Max-100-Plans (100 Dollar im Monat) gab es einen Apple-TV-artigen Startbildschirm. Außerdem hatte Claude die Samsung-Werbe-ID gelöscht und ungenutzte Apps ausgeblendet.

Risiken und Einschätzung der Fachleute

Mike Nolan, der die Politik von Open-Source-Software erforscht, sagt, Softwareentwickler sähen Software-as-a-Service als Geschäftsmodell sterben, weil sich Funktionen so leicht nachbauen ließen. Er schränkt ein: Wartung sei aufwendig, geklonte Software womöglich nicht zuverlässig genug. Er wisse nicht, wie viele Firmen solche Klone einsetzen würden.

404 Media warnt vor mehreren Folgen:

  • KI-Klone haben oft Fehler, die der Nutzer nicht versteht oder beheben kann. Viele setzen sie trotzdem ein oder veröffentlichen sie.
  • Schlecht programmierte, unsichere Software könnte auf kritischer Hardware landen. Das könnte zu gehackten Geräten und Netzwerken führen.
  • Angreifer könnten Schadsoftware in verbreiteten KI-Code einschleusen.
  • Reverse-Engineering-Communitys und Open-Source-Projekte könnten mit KI-Beiträgen überschwemmt werden.
  • Kleine Software- und Hardwarefirmen könnten von Konkurrenten verdrängt werden, die ihre Produkte per KI kopieren und unterbieten.

Zugleich gibt es eine positive Seite: Nutzer holen sich Kontrolle über Geräte zurück, bei denen Hersteller Funktionen sperrten, Werbung und Überwachung einbauten oder die per Abschaltung unbrauchbar wurden.

Kritik gab es laut Artikel auch an den „Dekompilierungen“. Der entstehende Code sei oft nicht identisch mit dem Original und habe Bugs.

Blockaden durch KI-Anbieter?

Ein Reddit-Beitrag in r/LocalLLaMA behauptet, Claude habe REA einen Tag später blockiert. Eine italienische Seite titelt, Claude Opus 5.5 blockiere Smart-TV-Reverse-Engineering laut Nutzerberichten. Die Quellen liefern dafür keine Details. Es handelt sich um Nutzerberichte ohne Bestätigung der Anbieter. Der Reddit-Beitrag zieht daraus das Fazit, man solle lieber auf lokale Modelle mit offenen Gewichten setzen.

Einordnung

Die Geschichte zeigt, was autonome KI-Agenten heute leisten: Sie finden Geräte im Netzwerk, schreiben Software und kontrollieren ihre eigene Arbeit. Für Nutzer kann das Werbung und Gängelung beseitigen. Die rechtliche Lage (Urheberrecht, Garantie, Herstellerbedingungen) behandeln die Quellen nicht. Der Samsung-Fall zeigt außerdem den Aufwand: 11 Stunden und ein erheblicher Teil eines Bezahl-Kontingents. Wer so etwas versucht, sollte Backups machen. Das gilt besonders, weil KI-Code Fehler und Sicherheitslücken enthalten kann. Ob Anbieter solche Anwendungen tatsächlich sperren, ist unbelegt.

Quellen

#reverse-engineering#smart-tv#claude#vibe-coding#open-source
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