Binance-Hack: Fake-Jobinterview und KI-Tool öffneten Weg zu 6,3 Milliarden Dollar

Binance hat seinen ersten Vorfallbericht zum Rekord-Diebstahl vom 29. Oktober veröffentlicht. Die Angreifer bereiteten sich monatelang vor: mit einem manipulierten Homebrew-Installer, einem gefälschten Bewerbungsprozess und dem Missbrauch eines internen KI-Tools. Das FBI sieht die nordkoreanische Gruppe TraderTraitor dahinter, Pjöngjang bestreitet das.

Branche 3. Nov. 2026 6 Min. Lesezeit Quelle: Google News (FR)
Symbolbild, KI-generiert

Worum es geht

Am 3. November 2026 hat Binance, die größte Kryptobörse der Welt, einen ersten Vorfallbericht zum Diebstahl vom 29. Oktober veröffentlicht. Der Schaden liegt laut Binance bei rund 6,34 Milliarden Dollar (andere Medien nennen 6,3 oder 6,43 Milliarden) und ist damit der größte Krypto-Diebstahl der Geschichte. Der Bericht zeigt: Die Angreifer erbeuteten nicht einfach einen Schlüssel, sondern bereiteten den Zugriff über Monate vor. Binance-Co-Chef Richard Teng sagte bei CNBC, die Täter hätten „monatelang ihren Weg hinein gebaut“. Er wies die Darstellung zurück, ein einzelner Laptop sei der Schwachpunkt gewesen.

Die vier Stufen des Angriffs

Juni 2026: Ein Ingenieur im Wallet-DevOps-Team suchte per Suchmaschine nach einem beliebten KI-Coding-Tool und installierte dabei eine manipulierte Version von Homebrew, einem verbreiteten Paketmanager für macOS. Laut Fortune klickte er dafür auf eine Werbeanzeige, nicht auf den offiziellen Weg. Binance erkannte die Auffälligkeit, tauschte das Gerät aus und erneuerte die Zugangsdaten. Doch die Angreifer wussten da bereits, wer im Wallet-Team arbeitet und welche Rolle der Ingenieur hatte. Dieses Wissen ließ sich nicht zurücksetzen.

September 2026: Ein zweiter Software-Ingenieur wurde über eine echte Jobplattform angeschrieben. Sein Profil erwähnte Binance. Der Absender gab sich als Projektleiter aus. Es folgte ein Videogespräch mit einer angeblichen Personalerin, die ein Social-Media-Profil mit privaten Fotos und Videos zeigte, um Vertrauen aufzubauen. Im zweiten Gespräch trat jemand als CEO einer erfundenen Firma auf (laut The Hacker News über einen populären Chat-Dienst). Am Ende sollte der Ingenieur eine „Aufgabe“ auf seinen Dienstrechner laden. Sie enthielt ein Code-Repository, dessen Schadcode beim Setup ausgeführt wurde.

Die Schadsoftware war laut Binance bis dahin unbekannt (ein „Zero-Day“, also eine Lücke, für die es noch keine Erkennung gibt) und umging die Endgeräteschutz-Tools. Sie tauschte eine legitime Komponente eines Entwicklerwerkzeugs gegen eine vergiftete aus, baute Kontakt zu einem Angreifer-Server auf und löschte forensische Spuren.

20. Oktober 2026: Über den kompromittierten Rechner und ein internes KI-Tool von Binance übernahmen die Täter die Rechner von zwei weiteren Ingenieuren (Wallet-DevOps-Ingenieur A und Software-Ingenieur C). Auf dem Rechner von A fanden sie ein Berechtigungs-Token, mit dem sich Container (abgeschottete Software-Umgebungen) in der Produktion starten lassen.

29. Oktober 2026: Zwischen 17:15 und 19:56 UTC loggten sich die Angreifer auf Cs Rechner ein, nutzten die gestohlenen Zugangsdaten von A, starteten einen Container und führten ein Schadskript aus. Laut Binance missbrauchten sie so einen internen Wallet-Signing-Dienst, um Transaktionen außerhalb des normalen Auszahlungsprozesses auszulösen.

Warum der Abfluss weiterlief: EIP-7702 und MPC

Zwischen 20:05 und 20:09 UTC übertrugen fünf Hot Wallets (online verbundene Wallets) laut FinanceFeeds 233,46 Millionen XRP an eine Angreifer-Adresse, dazu rund 970.500 SOL, 44,2 Millionen OP und 18.270 BTC. Danach nutzten die Täter EIP-7702, eine Ethereum-Erweiterung aus dem Pectra-Update, mit der ein normales Konto vorübergehend die Logik eines Smart Contracts übernehmen kann. Mit 50 Signatur-Transaktionen setzten sie bösartige Autorisierungen, die einem Angreifer-Contract weitere Überweisungen erlaubten.

Das Aussetzen der Auszahlungen stoppte das nicht, denn bereits on-chain registrierte Berechtigungen blieben bestehen. Binance sichert Hot Wallets per MPC (Multi-Party Computation): Der private Schlüssel existiert nie an einer Stelle, mehrere Parteien erzeugen gemeinsam jede Signatur. Das schützt gegen den Diebstahl eines einzelnen Schlüssels, doch laut Sicherheitschef Jimmy Su konnte hier kein einzelner Schlüssel die Autorisierung widerrufen. Binance musste ein eigenes Widerrufsverfahren entwickeln. Die letzte unautorisierte Überweisung (2.961,9 ETH) wurde um 23:56 UTC bestätigt, die schädliche Delegation am 30. Oktober um 00:10 UTC gelöscht.

Rolle der KI

Viele hatten vermutet, die Angreifer hätten KI eingesetzt, um Binance zu knacken. Laut Fortune stützten sie sich dagegen vor allem auf klassisches Phishing und Social Engineering. KI spielte trotzdem eine Rolle: Das eigene interne KI-Tool von Binance diente als Brücke zwischen den Rechnern. Binance hat das Tool neu aufgebaut.

Schaden, Rückerstattung und Gegenmaßnahmen

Punkt Angabe von Binance
Gesamtschaden ca. 6,34 Mrd. USD
Eingefroren/abgefangen ca. 2,85 Mrd. USD (zuvor ca. 3 Mrd. genannt)
Ersetzte Bestände ca. 98 % per 31. Oktober
SAFU-Bitcoin-Reserve von 15.000 auf gut 7.500 BTC (laut CoinDesk), Ziel: Wiederaufstockung auf ca. 1 Mrd. USD

Tether und Circle froren gestohlene Stablecoins ein, laut Fox Business auch Ripple. Coinbase blockierte Überweisungen an betroffene Wallets. Fortune nennt rund 2,5 Milliarden zurückgeholt, Binance selbst spricht von eingefroren, und FinanceFeeds weist darauf hin, dass eingefroren nicht gleich zurückgeholt ist. Die Beträge stehen unter Vorbehalt der Abstimmung und von Kursschwankungen. Die restlichen 2 % betreffen weniger liquide Währungen, die Binance noch beschafft. Fox Business nannte abweichend rund 90 %; die Quelle ist hier älter bzw. ungenauer.

Abhebungen waren rund 48 Stunden gesperrt und werden seit dem 3. November um 04:00 UTC phasenweise für Dutzende Token auf mehreren Netzwerken wieder geöffnet. Als Maßnahmen nennt Binance: Eintrittspunkte geschlossen, betroffene Systeme neu aufgebaut, Geräte ersetzt, Zugangsdaten stillgelegt, Sicherheitsscans aller Mitarbeitergeräte, strengere Gerätekontrollen, mehr KI-gestützte Anomalieerkennung, ein unabhängiger Experten-Audit sowie ein Sicherheitsforschungsfonds.

Täterschaft und Reaktionen

Das FBI ordnet den Angriff der nordkoreanischen Gruppe TraderTraitor zu. Teng selbst nannte Nordkorea nicht, bestätigte aber die FBI-Zuschreibung. Laut The Block bezeichnete die Schwester von Kim Jong-un die Vorwürfe als „schwere politische Provokation“. Binance sagt, 2026 bereits 57 mutmaßlich nordkoreanische Versuche mit ähnlichen Methoden abgewehrt zu haben, etwa Fake-Interviews, Schadsoftware in Entwicklertools, manipulierte Pakete und Browser-Erweiterungen sowie gefälschte Videokonferenz-Apps. Das Vorgehen entspricht einer FBI-Warnung vom 3. September 2024. Laut Fortune dürfen Binance-Mitarbeiter in nicht öffentlichen Rollen keine LinkedIn-Profile führen; ob der Ingenieur dagegen verstieß oder Konsequenzen drohen, ließ ein Sprecher offen.

Was Leser daraus mitnehmen können

Das Muster trifft auch Entwickler und Privatanleger. Empfohlen werden: Recruiter über einen selbst gefundenen Kontaktweg prüfen, Programmieraufgaben nur in einer virtuellen Maschine öffnen, nie Seed-Phrasen auf vernetzten Geräten speichern, Software nur von der Originalquelle installieren und größere Beträge auf einer Hardware-Wallet halten.

Einordnung

Der Bericht macht aus dem Rekord-Hack eine Frage der Personalsicherheit und der Software-Lieferkette. Gute Schlüsselverwaltung (MPC) reichte nicht, weil die Täter Berechtigungen statt Schlüssel stahlen; MPC erschwerte sogar die Eindämmung. Kritisch bleibt: Die Zahlen sind Herstellerangaben, die Täterschaft ist eine Einschätzung der US-Behörden, und ob der Neuaufbau wirksam ist, hat noch niemand unabhängig geprüft. Der Marktschock war laut CNBC scharf, aber kurz. Offen ist, ob Binance das Vertrauen in zentrale Börsen vollständig zurückgewinnt.

Videos zum Thema

How Binance Was HACKED For $6 Billion Coin Bureau · YouTube

Quellen

#binance#hack#nordkorea#kryptowährung#cybersecurity#social engineering
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