Holocaust-Rede aus der KI? FAZ löscht Gastbeitrag von Thüringens Ministerpräsident

Die FAZ hat einen Gastbeitrag von Mario Voigt (CDU) aus Website und Archiv entfernt, weil die Staatskanzlei nicht glaubhaft versichern konnte, dass er nicht von einer KI stammt. Laut einer Recherche von FragDenStaat sollen viele Reden und Texte des Ministerpräsidenten großteils KI-generiert sein, darunter eine Rede zum Holocaustgedenken.

Branche 5. Nov. 2026 5 Min. Lesezeit Quelle: Google News (DE)
Symbolbild, KI-generiert

Worum es geht

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) hat einen Gastbeitrag des Thüringer Ministerpräsidenten Mario Voigt (CDU) von ihrer Website und aus ihrem Archiv entfernt. Die Begründung der Zeitung: Die Staatskanzlei in Erfurt habe nicht überzeugend versichern können, dass der Text nicht von einer KI geschrieben wurde. In dem Beitrag ging es um Smartphone-Verbote für Heranwachsende. Laut heise online reagiert die FAZ damit auch auf eine Recherche der Plattform FragDenStaat, die zahlreiche Reden und Gastbeiträge Voigts auf KI-Spuren untersucht hat. Die Ergebnisse sind heikel, denn betroffen ist auch eine Rede zum Gedenken an die Opfer des Holocaust.

Wie alles anfing: ein Gastbeitrag über deutsche Musik im Radio

Ausgelöst hat die Affäre ein Gastbeitrag in der Tageszeitung Die Welt, den Voigt zusammen mit Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) verfasst hatte. Inhaltlich ging es um die Forderung nach mehr deutschsprachiger Musik im Radio, also eigentlich ein eher harmloses Thema. Aufsehen erregte der Text erst, als eine Regierungssprecherin auf Anfrage einräumte, dass bei der Erstellung auch KI-Werkzeuge im Spiel waren.

Daraufhin nahm sich FragDenStaat weitere Texte vor, mit denen sich Voigt an öffentlichen Debatten oder am Gedenken an die Verbrechen des Nationalsozialismus beteiligt hatte. FragDenStaat ist ein gemeinnütziges Portal, das vor allem für Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz und für investigative Recherchen bekannt ist.

Was die Analyse gefunden hat

Für die Untersuchung nutzte FragDenStaat das Werkzeug Pangram. Das ist ein sogenannter KI-Detektor, also eine Software, die anhand typischer Sprachmuster schätzt, ob ein Text von einem Menschen oder von einem Sprachmodell wie ChatGPT stammt. Untersucht wurden elf Reden und vier Gastbeiträge. Das Ergebnis laut FragDenStaat:

Textart Untersucht Befund laut Pangram
Reden 11 9 mit KI-Anteil weit über 50 %, 3 offenbar vollständig KI-generiert
Gastbeiträge 4 3 mit KI-Anteil von 100 %

Besonders brisant ist eine Rede zum Gedenken an den Massenmord in den Konzentrationslagern. Die soll laut Analyse „zu 100 Prozent KI-generiert“ sein. Auffällig seien wiederholte Verneinungen und allgemeine, schwer greifbare Sprachbilder. Dieses Stilmuster („nicht X, sondern Y“) gilt als typisch für Texte großer Sprachmodelle. Voigt sagte in der Rede zum Beispiel:

„Auschwitz war nicht das Werk eines erfundenen Ungeheuers. Es war das Werk von Menschen, die dachten, dass ihr Handeln im Einklang mit einem höheren Ziel stehe.“

Auch beim Gedenken an seinen Amtsvorgänger Bernhard Vogel findet sich diese Satzfigur:

„Ich trete nicht nur in das Amt eines Vorgängers, sondern in das Vermächtnis eines Anspruchs.“

Beim Artikel in der FAZ kommt ein weiterer Verdacht dazu: Zitate mehrerer Experten könnten ebenfalls von einem KI-Werkzeug erfunden worden sein. Sprachmodelle neigen zum sogenannten Halluzinieren, sie erzeugen also plausibel klingende, aber frei erfundene Aussagen, Quellen oder Zitate. Ob das hier tatsächlich passiert ist, geht aus dem Bericht nicht abschließend hervor.

Die Reaktion der Staatskanzlei und der FAZ

Die Staatskanzlei hat die Vorwürfe nicht zurückgewiesen. Sie versichert aber, die KI-Systeme würden nur unterstützend eingesetzt. Für die Nutzung von KI gebe es eine Dienstanweisung. Die sehe jedoch keine „generelle Kennzeichnungspflicht für Texte, die unter Nutzung von KI-Systemen erstellt oder unterstützt wurden“ vor.

Der FAZ reichte das nicht. Bei der Zeitung dürfen KI-generierte Texte nur in Ausnahmefällen erscheinen, und dann nur mit Kennzeichnung. Weil die Staatskanzlei nicht glaubhaft machen konnte, dass der Gastbeitrag ohne maßgebliche KI-Hilfe entstanden ist, hat die Redaktion ihn depubliziert. Dass eine große Zeitung einen Text eines amtierenden Regierungschefs aus diesem Grund komplett aus dem Archiv nimmt, ist ungewöhnlich.

Politischer Hintergrund: Voigt steht ohnehin unter Druck

Voigt führt seit gut eineinhalb Jahren eine sogenannte Brombeer-Koalition aus CDU, BSW und SPD, die im Thüringer Landtag keine eigene Mehrheit hat. Zusätzlich belasten ihn Plagiatsvorwürfe: Die Technische Universität Chemnitz hat ihm nach einer Überprüfung seiner Dissertation den Doktortitel entzogen. Voigt hat Widerspruch eingelegt und angekündigt, notfalls zu klagen. Die neue Affäre trifft ihn also in einer Phase, in der es ohnehin um seine Glaubwürdigkeit als Autor eigener Texte geht.

Aus seiner Haltung zur KI macht der 49-Jährige kein Geheimnis. Dem Tagesspiegel sagte er:

„Ich motiviere alle Mitarbeiter unserer Verwaltung, im Jahr 2026 alle modernen Instrumente für ihre Arbeit zu nutzen. Die KI ist längst Teil der modernen Kommunikation.“

Wenn einzelne Passagen mit KI-Hilfe entstanden seien, reiße er dafür keinem den Kopf ab.

Einordnung

Dass Politiker ihre Reden nicht selbst schreiben, ist nichts Neues. Redenschreiber gibt es in jeder Staatskanzlei. Neu ist die Frage, ob es einen Unterschied macht, wenn ein Sprachmodell den Text liefert, gerade bei so sensiblen Anlässen wie dem Holocaustgedenken. Viele werden es als Problem sehen, wenn Worte des Erinnerns aus einer Maschine stammen, die solche Texte nach statistischen Mustern zusammensetzt. Noch schwerer wiegt der Verdacht erfundener Expertenzitate. Dabei geht es dann nicht mehr um Stil, sondern um Wahrheit.

Gleichzeitig ist Vorsicht angebracht. KI-Detektoren wie Pangram liefern Wahrscheinlichkeiten und keine Beweise. Solche Werkzeuge können auch menschliche Texte falsch als KI-Texte einstufen, vor allem bei formelhafter Sprache, wie sie in Politikerreden oft vorkommt. Belastbar ist hier vor allem, dass die Staatskanzlei den KI-Einsatz grundsätzlich einräumt. Wie groß der Anteil im Einzelfall wirklich war, bleibt offen.

Der Fall zeigt eine Lücke, die viele Behörden betreffen dürfte: Verwaltungen setzen KI zunehmend ein, aber klare Regeln zur Kennzeichnung fehlen oft. Medien wie die FAZ haben für sich eigene Standards festgelegt, und die passen nicht unbedingt zu dem, was Behörden intern erlauben. Darüber, ob öffentliche Äußerungen von Amtsträgern gekennzeichnet werden müssen, wenn sie mit KI entstanden sind, dürfte nach diesem Fall verstärkt diskutiert werden.

Quellen

#politik#ki-texte#ki-detektor#medien#thüringen
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