KI erfindet Software und stempelt Startup zum Spion: Klage gegen Palo Alto Networks
Das Videokonferenz-Startup MeetingTV verklagt Koi Security und deren neuen Eigentümer Palo Alto Networks. Eine KI-gestützte Bedrohungsanalyse soll MeetingTV über eine Browser-Erweiterung, die es gar nicht gibt, mit einer chinesischen Spionagekampagne in Verbindung gebracht haben. Danach sperrten Sicherheitsfirmen weltweit die Domains des Startups.

Worum es geht
Das kleine US-Startup MeetingTV, ein Anbieter für Videokonferenzen und Webinare, hat Klage gegen die Sicherheitsfirma Koi Security, ihre vier israelischen Gründer und den Cybersecurity-Konzern Palo Alto Networks eingereicht. Laut Klage hat Kois KI-Plattform „Wings“ ein Programm erfunden, das es nicht gibt. Auf dieser Grundlage habe Koi MeetingTV als Teil einer chinesischen Spionageoperation dargestellt und das als Tatsache veröffentlicht. Darüber berichten unter anderem The Register, Calcalist (CTech), SDxCentral und Startup Fortune.
Das Verfahren läuft vor einem Bundesgericht in Südkalifornien. Zum ersten Mal wird eine KI-Halluzination, also eine erfundene, aber überzeugend formulierte Aussage eines KI-Systems, in diesem Ausmaß zum Thema eines Rechtsstreits in der Sicherheitsbranche.
Der „DarkSpectre“-Bericht
Am 30. Dezember 2025 veröffentlichte Koi in seinem Forschungsblog den Bericht „DarkSpectre: Unmasking the Threat Actor Behind 8.8 Million Infected Browsers“. Darin beschrieb die Firma eine angeblich staatlich gelenkte chinesische Gruppe namens DarkSpectre. Diese soll 8,8 Millionen Browser infiziert haben. Teil davon sei eine Kampagne namens „Zoom Stealer“ gewesen, die bei 2,2 Millionen Nutzern Daten aus Firmenmeetings abgegriffen habe. Laut SDxCentral ging es um fast 30 Videokonferenzplattformen, darunter Zoom, Google Meet und Microsoft Teams.
In diesem Zusammenhang nannte Koi MeetingTVs Browser-Erweiterung Zoomcorder, ein Werkzeug zum Aufzeichnen von Meetings. Laut The Register bezeichnete der Bericht den Dienst als „öffentlich sichtbare Fassade“ der kriminellen Operation, die der Infrastruktur „Glaubwürdigkeit verleiht und zugleich als Einnahmequelle dient“. Außerdem setzte Koi die Domain von MeetingTV auf seine IOC-Liste. IOCs (Indicators of Compromise) sind Merkmale wie Domains oder IP-Adressen, an denen Sicherheitssysteme einen Angriff erkennen. Viele Firewalls übernehmen solche Listen automatisch.
Die Software, die es nicht gibt
Die Klage dreht sich um eine Browser-Erweiterung namens „Twitter X Video Downloader“. Laut Bericht verband sie die Zoom-Stealer-Kampagne, deren Infrastruktur laut Klage ausschließlich aus MeetingTVs Servern bestanden haben soll, mit „ShadyPanda“, einem Kernstück der DarkSpectre-Infrastruktur. Wörtlich heißt es in der Klage:
„Kois Ein-Täter-Theorie beruhte auf einem erfundenen technischen ‚Pivot‘ – einer einzigen Software, die sie wiederholt als Erweiterung ‚Twitter X Video Downloader‘ bezeichneten.“
MeetingTV zufolge gibt es diese Erweiterung nicht. Sie tauchte laut SDxCentral nicht einmal unter den Erweiterungs-IDs auf, die im Bericht selbst aufgelistet waren. Als MeetingTV nach Informationen dazu fragte, habe Koi keine geliefert. Die Kläger vermuten, dass Kois KI die Software halluziniert hat und niemand vor der Veröffentlichung geprüft hat, ob es sie überhaupt gibt. MeetingTV-Gründer und CEO Michael Robertson sagte The Register:
„Sie geben zu, KI für ihre Analyse zu nutzen. Vielleicht hat sich ein Mensch das alles ausgedacht? Vielleicht war es die KI? Klar ist: Wenn die Software nicht existiert, ist selbst die einfachste Analyse unmöglich – und trotzdem haben sie unsere URLs, Dienste und Software als kriminell eingestuft.“
Robertson ist ein bekannter Seriengründer. Laut eigener Aussage wurde MeetingTV vor der Veröffentlichung nicht von Koi kontaktiert und auch danach nicht.
Gesperrt in aller Welt
Von dem Bericht erfuhr Robertson nur, weil Sicherheitsanbieter seine Domains plötzlich blockierten. Er habe die Firmen einzeln angeschrieben. Die meisten hätten nie geantwortet, einer habe schließlich auf den Koi-Bericht verwiesen und den Link geschickt. Laut SDxCentral stuften unter anderem Cloudflare, Fortinet und Cisco Talos MeetingTV-Domains als bösartig oder als Malware ein. Laut The Register blockieren Verizon und Palo Alto Networks selbst das Startup weiterhin. In der Klage ist von einem „katastrophalen Einbruch“ der Online-Sichtbarkeit und schweren Umsatzeinbußen die Rede.
„Wenn Menschen im Internet deine Firma nicht erreichen können, ist das ein Todesurteil“, sagte Robertson. „Und alle Sprachmodelle sagen jetzt, dass wir mit chinesischen Cyberkriminellen zusammenarbeiten. Wie soll das je wieder verschwinden?“
Koi hat die Hinweise auf MeetingTV und Zoomcorder inzwischen aus dem Bericht entfernt, laut The Register stillschweigend. In einem Update hieß es laut CTech, eine weitere Prüfung habe keine Belege für eine Verbindung zu chinesischen Angriffen ergeben. Die Originalfassung ist im Internet Archive (Wayback Machine) weiterhin abrufbar. Das Entfernen allein hebt aber keine Sperren auf, die andere Anbieter längst übernommen haben.
Übernahme und mögliches Motiv
Palo Alto Networks gab die Übernahme von Koi im Februar bekannt und schloss sie am 14. April 2026 ab. Mit dem Kauf will der Konzern im Bereich „Agentic Endpoint Security“ wachsen, also beim Schutz von KI-Agenten und automatisierten Werkzeugen, die in Firmennetzen arbeiten. Laut Behördenunterlagen von Palo Alto lag der Kaufpreis bei 231 Millionen Dollar, fast vollständig in bar, plus 61 Millionen Dollar in Aktienvergütungen für die übernommenen Mitarbeiter. SDxCentral spricht dagegen von einem 400-Millionen-Dollar-Deal. Diese Zahl lässt sich mit den offiziellen Unterlagen nicht direkt in Einklang bringen.
Die Klage wurde am 18. März eingereicht, also vor dem Abschluss der Übernahme. Am 13. Mai nahm MeetingTV Palo Alto als Beklagten dazu, mit dem Argument, der Konzern habe mit der Technik auch die Haftung übernommen. Die Anwälte von MeetingTV werfen Koi vor, den Bericht während der Übernahmeverhandlungen gezielt als Schaufenster für Wings genutzt zu haben:
„Indem Koi eine sensationelle Geschichte über eine massive chinesische Spionageoperation fabrizierte – und Wings als einzige Lösung präsentierte, die sie erkennen kann –, wollte Koi seine Bewertung steigern und Vertriebskontakte gewinnen.“
Nach Abschluss der Übernahme schrieb Robertson direkt an Palo-Alto-Chef Nikesh Arora. Er forderte, den Bericht zu entfernen, eine vollständige Richtigstellung zu veröffentlichen und die Domains von der eigenen Sperrliste und von denen anderer Anbieter zu nehmen.
Die Verteidigung
Palo Alto erklärte, man kenne die Klage. Der Bericht sei vor der Übernahme erschienen. Kois Forschung spiegele das Engagement wider, Bedrohungen aufzudecken, und man erwarte eine Klärung auf dem Rechtsweg. Laut CTech hat der Konzern beantragt, die Klage abzuweisen. Das Argument: Der Bericht habe MeetingTV keine Straftat vorgeworfen, sondern Internet-Infrastruktur analysiert. Sicherheitsforscher müssten bei Fehlern, die sie in gutem Glauben und im öffentlichen Interesse machen, vor Verleumdungsklagen geschützt sein:
„Der Bericht ist Sicherheitsforschung, keine Schlammschlacht unter Wettbewerbern.“
Wie Wings die umstrittenen Ergebnisse erzeugt und geprüft hat, haben weder Koi noch Palo Alto öffentlich erklärt. Am 2. Oktober lehnte eine Bundesrichterin bzw. ein Bundesrichter (Magistrate Judge) den Antrag von MeetingTV auf beschleunigte Herausgabe von Koi-Unterlagen ab, allerdings „without prejudice“. MeetingTV kann den Antrag also später erneut stellen. Das Verfahren läuft noch.
Einordnung
Fehlalarme gab es in der Bedrohungsanalyse schon immer, etwa veraltete Indikatoren oder falsch zugeordnete IP-Adressen. Neu ist laut Startup Fortune die Herkunft des Fehlers: Ein Sprachmodell zieht einen Schluss, und offenbar prüft niemand, ob die zugrunde liegende Software überhaupt existiert, bevor das Ergebnis unter dem Firmennamen erscheint. Weil Sicherheitsprodukte IOC-Listen automatisch übernehmen, verbreitet sich so ein Fehler in Stunden über Firewalls weltweit. Er lässt sich nur mühsam und von Firma zu Firma rückgängig machen. Robertsons Hinweis, dass Chatbots die falsche Behauptung inzwischen weitergeben, zeigt eine weitere Folge: KI-Fehler können in die Trainings- und Suchdaten anderer KIs gelangen.
Wichtig ist aber: Bislang handelt es sich um die Darstellung des Klägers. Ob die Verbindung tatsächlich halluziniert war oder auf einem anderen Fehler beruht, ist nicht belegt. Koi hat seine Methoden nicht offengelegt. Juristisch stellt sich die Frage, wie weit der Schutz für Sicherheitsforschung im öffentlichen Interesse reicht, wenn KI-Ergebnisse ungeprüft veröffentlicht werden. Für eine Branche, die zunehmend auf KI-Agenten setzt, um Angriffe zu erkennen, dürfte der Ausgang des Verfahrens aufmerksam verfolgt werden.
Quellen
- Merkliste: startupfortune.com startupfortune.com
- calcalistech.com calcalistech.com
- theregister.com theregister.com
- sdxcentral.com sdxcentral.com
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