Saabs eigene KI fliegt Kampfjet Gripen E – ohne Hilfe von außen
Der schwedische Rüstungskonzern Saab hat selbst entwickelte KI-Agenten einen einsatzfähigen Gripen-E-Kampfjet steuern lassen, in simulierten Luftkämpfen über große Distanz. Vor einem Jahr kam die Software dafür noch vom Münchner Start-up Helsing. Jetzt besitzt Saab die komplette Kette vom Training bis zum Flugtest und will die Technik so schnell wie möglich in den Einsatz bringen.

Worum es geht
Der schwedische Rüstungs- und Luftfahrtkonzern Saab hat am 3. November 2026 mitgeteilt, dass selbst entwickelte KI-Agenten einen Kampfjet vom Typ Gripen E in der Luft gesteuert haben. Ein KI-Agent ist eine Software, die ihre Umgebung wahrnimmt, mögliche Handlungen abwägt und dann nach vorgegebenen Zielen und Regeln selbst entscheidet. Sie arbeitet also keine feste Befehlsliste ab. Die Tests liefen nicht im Simulator und auch nicht auf einem eigens umgebauten Versuchsflugzeug. Die Software lief auf einem regulären, einsatzfähigen Kampfjet.
Geübt wurden simulierte Gefechte „Beyond Visual Range“ (BVR), also Luftkämpfe jenseits der Sichtweite. Dabei sehen sich die Gegner nicht mit bloßem Auge. Sie orten einander über Radar und andere Sensoren und kämpfen mit Langstreckenraketen. Einer der Agenten übernahm laut Saab die Kontrolle über den Jet und flog die taktischen Manöver. Die Ankündigung fiel zeitlich mit der International Fighter Conference 2026 in München zusammen, wo Saab-Manager Peter Nilsson mit Fachmedien wie Janes sprach.
Vom zugekauften Agenten zur eigenen KI
Neu ist nicht, dass eine KI einen Gripen fliegt. Neu ist, von wem die Software stammt. Im Rahmen des „Project Beyond“ hatte Saab 2025 den KI-Agenten Centaur der deutschen Rüstungs-KI-Firma Helsing in weniger als sechs Monaten in einen Gripen E integriert. Bei drei Flügen zwischen dem 28. Mai und dem 3. Juni 2025 trat Centaur gegen einen von einem Menschen geflogenen Gripen D an. Laut Army Recognition verfolgte er das gegnerische Flugzeug mit echten Sensordaten, flog taktische Manöver und zeigte dem Piloten an Bord an, wann er schießen sollte. Ob tatsächlich geschossen wird, entschied weiter der Mensch.
Saab veränderte damals vier Bedingungen: den Abstand zu Beginn, die Geschwindigkeit, den Anflugwinkel zum Gegner und den Zugang zu externen Führungsdaten (Command and Control, kurz C2). Diese Verbindung wurde auch absichtlich unterbrochen.
Bei der aktuellen Kampagne stammen Agenten, Trainingsumgebungen und Prüfwerkzeuge vollständig von Saab. Laut Army Recognition steckt dahinter eine zweijährige Entwicklung in der Abteilung Advanced Programs unter Peter Nilsson. Gegenüber Janes betonte er:
„Wir fliegen unsere eigenen Saab-KI-Agenten jetzt seit zwei Jahren. Die AI Fighter Pilot Academy ist der Aufbau einer neuen industriellen Fähigkeit – kein weiteres isoliertes Experiment.“
Und laut der spanischen Zeitung Libertad Digital: „Weil wir den gesamten Technologie-Stack besitzen, entwickeln wir die Fähigkeiten, die für diese Zukunft nötig sind.“
Army Recognition weist auf einen Unterschied zu 2025 hin: Für die neuen Tests hat Saab keine vergleichbare Testmatrix veröffentlicht. Man weiß also nicht, unter welchen Bedingungen genau geflogen wurde.
Die „Akademie“ für KI-Piloten und die Rechenpower dahinter
Kern des Projekts ist die AI Fighter Pilot Academy (AIFPA). Das ist kein Gebäude, sondern eine Software-Infrastruktur, in der Agenten entwickelt, trainiert und bewertet werden. Trainiert wird vor allem mit Reinforcement Learning, also Lernen durch Belohnung. Die Software spielt unzählige Gefechte durch und erfährt jedes Mal, ob ihre Entscheidungen zum Ziel geführt haben, ähnlich wie ein Hund beim Training mit Leckerlis. Laut AINonline trainiert Saab dort auch Sprachmodelle und kombiniert verschiedene Agenten zu sogenannten hybriden Agenten. Die Agenten haben inzwischen Millionen simulierter Flugstunden gesammelt. Die Infrastruktur soll wiederverwendbar sein: Neue Missionen, Szenarien und Flugzeugtypen lassen sich hinzufügen, ohne alles neu zu bauen.
Lange war die Rechenleistung der Engpass. Saab arbeitete bisher mit CPU-basierten Systemen, also klassischen Prozessoren. Die reichten, um einen Agenten einsatzreif zu machen, aber nicht, um ihn laufend zu verbessern. Das änderte das Rechenzentrum Sferical One in Linköping. Saab ist Gründungspartner der Initiative Sferical AI, zusammen mit Ericsson, AstraZeneca, SEB, Wallenberg Investments und SKF. Die Anlage basiert auf Nvidias DGX SuperPOD mit 1.152 GPUs vom Typ Grace Blackwell GB300, investiert wurden mehr als eine Milliarde schwedische Kronen.
| Rechenumgebung | Simulationen eines einstündigen Testflugs im selben Zeitraum |
|---|---|
| CPU-basiert (bisher) | 1.200 |
| Sferical One (1.152 GB300-GPUs) | 1 Milliarde |
Angaben laut AINonline
AINonline zufolge wird KI-Training damit zu einem industrialisierten, laufenden Prozess statt zu einem Projekt, das durch die verfügbare Zeit begrenzt ist. Army Recognition merkt kritisch an, dass die Rechenkapazität zwar im Land steht, die Hardware aber von ausländischen Chipherstellern abhängt. Saab hat zudem eine eigene Geschäftseinheit namens „Common Technology“ gegründet, die die KI-Entwicklung aller Sparten bündelt.
Zum Vergleich: Helsing hatte Centaur auf seiner Infrastruktur „RL-Factory“ durch Reinforcement Learning und Self-Play trainiert, also im Kampf gegen Kopien seiner selbst, die mitlernen. Laut Army Recognition kamen über 500.000 simulierte Flugstunden zusammen, das entspricht 57,1 Jahren Dauerbetrieb. Helsings KI-Vizepräsident Antoine Bordes sagte, die am 3. Juni 2025 geflogene Version habe in wenigen Stunden Training das Äquivalent von 50 Jahren Pilotenerfahrung gesammelt. Army Recognition stellt klar, dass das die Rechenmenge beschreibt und nichts über ein menschenähnliches Können aussagt.
Warum der Gripen E dafür geeignet ist
Möglich wird das durch die softwaredefinierte Architektur des Gripen E. Missionsanwendungen sind dort strikt von der sicherheitskritischen Flugsteuerung getrennt. Die KI darf erlaubte Steuerbefehle schicken, ersetzt aber nicht die Software, die das Flugzeug stabil in der Luft hält. Man kann sich das vorstellen wie Apps auf einem Smartphone, die das Betriebssystem nicht verändern dürfen.
Der Gripen E hat laut Army Recognition ein Triebwerk F414-GE-39E mit 98 kN Schub mit Nachbrenner, ist 16,5 Meter lang und erreicht in großer Höhe Mach 2. Er trägt ein ES-05-Raven-AESA-Radar mit schwenkbarer Antenne (100 Grad Sichtfeld zu jeder Seite), den Infrarotsensor Skyward-G und das Elektronik-Kampfsystem Arexis. Als Bewaffnung für Distanzgefechte kommen unter anderem die Meteor-Rakete mit über 100 km Reichweite und die AIM-120 AMRAAM in Frage.
Bei BVR-Gefechten muss laufend entschieden werden: Wie halte ich den Gegner im Radar und vergrößere gleichzeitig den seitlichen Abstand? Wann drehe ich ab, um einer anfliegenden Rakete zu entkommen? Sind mehrere Ziele und Bedrohungen gleichzeitig im Spiel, wird das für einen Menschen schnell zu viel. Genau dort soll die KI helfen. Die Agenten sollen laut Saab entweder den Piloten im Cockpit unterstützen oder unbemannte Flugzeuge steuern, die zusammen mit bemannten Jets fliegen.
Geld, Konkurrenz und Zukunftspläne
Der Staat steht hinter dem Projekt. Die schwedische Beschaffungsbehörde FMV hat Project Beyond vollständig finanziert. Für die Forschung an künftigen Kampfflugzeugen erhielt Saab außerdem am 14. Oktober 2025 einen Auftrag über 2,6 Milliarden Kronen (2025–2027) und am 9. September 2026 einen über 2,9 Milliarden Kronen (2026–2028, mit Optionen bis 2030). Laut Army Recognition fließt dieses Geld in die gesamte Forschung zu bemannten und unbemannten Flugzeugen, nicht nur in KI.
Saab ist mit dem Ansatz nicht allein. In den USA flog das DARPA-Programm ACE mit dem umgebauten F-16 X-62A VISTA autonome Luftkämpfe gegen menschliche Piloten. Die US Air Force entwickelt im Programm Collaborative Combat Aircraft die unbemannten Begleitflugzeuge YFQ-42A (General Atomics) und YFQ-44A Fury (Anduril), Shield AI arbeitet am senkrecht startenden X-BAT. Saab selbst hat am 22. August 2026 auf dem Stützpunkt Malmen das unbemannte Kampfflugzeug-Konzept A3-001 vorgestellt, gedacht für elektronische Kampfführung, das Ausschalten gegnerischer Luftabwehr und Angriffe. Autonome Flugdemonstratoren sind vor 2030 geplant. Stückzahlen, Kosten oder ein Datum für die Indienststellung gibt es laut Army Recognition noch nicht. Langfristig gehört das zum schwedischen Programm Vägval Stridsflyg, das den Gripen-Nachfolger ab den 2040er-Jahren vorbereitet.
Laut AINonline hält Nilsson die Agenten für bereit zum operativen Einsatz. Begrenzend sei nur, wie schnell FMV und Luftwaffe sie übernehmen können, und das könne „Monate oder einstellige Jahre“ dauern.
Einordnung
Technisch ist das ein großer Schritt: Ein europäischer Flugzeughersteller hat jetzt die gesamte Kette selbst in der Hand, von der Trainingsumgebung über die Rechenleistung bis zum Flugtest auf einem Serienjet. Das Muster kennt man aus der zivilen KI. Der eigentliche Vorsprung liegt weniger im einzelnen Modell als in der „Fabrik“, die Modelle trainiert, prüft und laufend verbessert. In der Rüstung kommt die Frage der Souveränität hinzu. Wer die Software selbst baut, kann ihr Verhalten besser prüfen und muss sich nicht auf Zulieferer verlassen.
Vieles bleibt offen. Saab hat für die neuen Tests weder Bewertungskriterien noch Ergebnisse gegen menschliche Gegner veröffentlicht. Das größte Problem ist laut Army Recognition die Übertragung aus der Simulation in die Wirklichkeit, mit Radarfehlern, Störsendern, abgerissenen Datenverbindungen und unbekannten Gegnern. Wie viele der simulierten Gefechte solche Bedingungen enthielten, sagt Saab nicht. Ebenso offen ist, wie viel Entscheidungsmacht die Software künftig bekommen soll. 2025 lag der Schuss noch beim Menschen. Die Debatte über autonome Waffensysteme wird durch solche Fortschritte konkreter. Die Ankündigung ist außerdem ein Technologie-Meilenstein und kein Auftrag: Neue Bestellungen oder Finanzprognosen sind damit nicht verbunden, wie ad-hoc-news für Anleger festhält.
Quellen
- Bing News (es-ES) ecosistemastartup.com
- Bing News (en-US) armyrecognition.com
- ad-hoc-news.de ad-hoc-news.de
- janes.com janes.com
- aviacionline.com aviacionline.com
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